Türken im Sprechzimmer

Mit fast zwei Millionen Immigranten bilden die Türken die größte ethnische Minorität in Deutschland. Ihre Lebensverhältnisse waren nie wirklich gut und haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Viele Türken befinden sich aufgrund der gestiegenen Ausländerfeindlichkeit in einer permanenten, gesundheitsgefährdenden Krisenlage. Es ist deshalb notwendig, der Krankheitsbewältigung von Migranten, ihrer psychosozialen und medizinischen Versorgung verstärkt nachzugehen.

So will die 1990 gegründete Türkisch-Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie und Stoffwechselkrankheiten entsprechende Grundlagenkenntnisse sowie Konzepte erarbeiten. Ihr Vorsitzender, der Internist Dogan Cevdet Izbirak, wies jüngst auf einem Symposium in Berlin auf die wesentliche Bedeutung des multikulturellen Hintergrundes für das Verständnis von Gesundheit und Krankheit bei türkischen Patienten hin. Er bemängelte, daß dies in der Politik, Verwaltung und Praxis kaum Beachtung fände. Die krankheitsspezifischen Charakteristika türkischer Patienten würden nach wie vor ignoriert.

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Seit dreißig Jahren leben türkische Patienten in Deutschland, heute wächst eine hier geborene zweite Generation auf. Dennoch fühlt sich keine Gruppe ausländischer Arbeitnehmer so frustriert wie jene der Türken. Denn sie sind nicht nur für uns Fremde, sondern häufig auch Fremde unter sich: Sie stammen aus kulturell sehr unterschiedlichen Regionen der Türkei und aus äußerst verschiedenen sozialen Schichten.

Vor allem unbefriedigte emotionale Bedürfnisse - verstärkt durch die Anonymität der hochindustrialisierten Gesellschaft, die Zugehörigkeit zu einer ausländischen Minorität, durch Kontaktmangel und sich zuspitzende Familienkonflikte - bedingen bei auffällig vielen türkischen Migranten folgenschwere Störungen des psychosozialen Gleichgewichts. Sie erhöhen nach Auffassung der Professorin G. Koptagel-Elal aus Istanbul die Bereitschaft des einzelnen, mit psychischen und körperlichen Symptombildungen zu reagieren. Tatsächlich wiesen türkische Arbeitnehmerinnen 1986 aufgrund psychosomatischer Leiden mit 7,3 Prozent einen fast doppelt so hohen Krankenstand auf wie die übrigen ausländischen und deutschen Arbeitnehmerinnen (3,9 Prozent). Die Heimatlosigkeit, weder Deutscher noch Türke zu sein, ist ein weiterer krankheitsauslösender Faktor. Hinzu treten oft Bilanzdepressionen, wenn mit der Auswanderung verbundene Hoffnungen sich als uneinlösbar erweisen und obendrein ein Rechtfertigungsdruck entsteht, daß die Emigration trotzdem die richtige Entscheidung war.

Türkische Migranten leiden zehn Jahre früher als die deutsche Bevölkerung an chronischen Übeln, vor allem an Magen- und Darmerkrankungen sowie an Verschleißerscheinungen des Skelettsystems. Dies geht mit einem dramatischen Anstieg des Krankenstandes der Ausländer in den vergangenen zehn Jahren einher und ist um so alarmierender, als die Einwanderer zunächst überdurchschnittlich gesund und belastungsfähig waren. Häufig jedoch wurde ihre Gesundheit Einkommensinteressen untergeordnet.

Erste epidemiologische Daten weisen darauf hin, daß jeder fünfte Türke unter einem Zwölffingerdarmgeschwür leidet, in der deutschen Bevölkerung dagegen nur jeder zehnte. Dies könnte nach Ansicht von Peter Malfertheiner (Magdeburg) und Siegfried Miederer (Bielefeld) an einer für die mediterranen Völker typischen, außergewöhnlich hohen Infektionsrate mit Bakterien des Typs Helicobacter pylori liegen. Dieser Keim verursacht zusammen mit einer Säureüberproduktion häufig Magengeschwüre. Bereits bei türkischen Kindern und Jugendlichen steigt die Helicobacter-pylori-Infektionsrate rasch auf sechzig Prozent an und erreicht im Erwachsenenalter neunzig bis hundert Prozent. Werden diese Bakterien durch Säurehemmer in Kombination mit Antibiotika abgetötet, dann läßt sich das Wiederauftreten von Magengeschwüren nahezu sicher vermeiden.

Eine Behandlung komplizierter psychosomatischer Erkrankungen ist ohne sprachliche Verständigung nicht vorstellbar. Symptome, ihre Beschreibung und subjektive Bedeutung unterscheiden sich zwischen Türken und Deutschen so sehr, daß die übliche diagnostische Nomenklatur nahezu wertlos ist. Türkische Patienten schildern ihre Beschwerden sehr leibnah und ganzheitlich. Für viele türkische Patienten ist es nicht vorstellbar, daß nur ein Teil des Körpers erkrankt sein könnte. Die Unfähigkeit der meisten Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter, auf diese ganzheitlichen Bedürfnisse einzugehen und in diesem Sinne zusammenzuarbeiten, ist offensichtlich. Neue Studiengänge, etwa für interkulturelle Kommunikation, könnten hier weiterhelfen. Jedenfalls ist für die klinische Behandlung oft das Verständnis für die ethnische Identität des Patienten von entscheidender Bedeutung.

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