Türken im SprechzimmerSeite 2/2

Türkische Patienten bemühen sich wesentlich mehr als deutsche um eine persönliche Beziehung zum Arzt. Eine mißlungene Patient-Arzt-Beziehung ist deshalb um so tragischer. Die große Enttäuschung mündet dann nicht selten in ein "Doktor-Shopping", wobei sich der Patient in wahllosen Besuche von Ärzten unterschiedlicher Fachrichtung zunehmend verrennt. Es häufen sich Fehldiagnosen und Fehltherapien, die sich unter anderem im überproportional hohen Tablettenkonsum türkischer Patienten widerspiegeln. Es wird "krank geschrieben" oder der Patient als Simulant abgestempelt. Gerade bei der Betreuung psychosomatisch und psychisch kranker Migranten besteht bei uns eine akute Mangelversorgung. Jüngste Untersuchungen unterstreichen die dringende Notwendigkeit, das Angebot an sozio-psychosomatischer ganzheitlicher Betreuung für ausländische Familien rasch auszubauen.

Türkische Patienten kritisieren, so der Hamburger Psychiater Etem Ete, daß deutsche Ärzte für alles Maschinen brauchten, während ihre türkischen Ärzte durch bloßes Fragen, Handauflegen oder Ansehen die Krankheit herausfänden. "Türkische Ärzte sagen mir meine Krankheit, deutsche Ärzte wollen sie von mir hören." Allgemein lautet der Vorwurf, die deutsche Medizin sei zuwenig menschlich. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß türkische Patienten zu deutschen Ärzten häufig kein Vertrauen entwickeln.

Grundsätzlich spielen Schmerzen bei jedweden Erkrankungen von Türken eine wesentlich größere Rolle als bei Deutschen. Chronische Schmerzen treten insbesondere dann auf, wenn sich Alltagsbelastungen häufen. Die Berliner Professorin Herta Flor hält verhaltenstherapeutische Schmerztherapien wie Biofeedback, operantes Training oder Schmerzbewältigungstraining für so wirksam, daß eine medikamentöse Schmerzbehandlung häufig überflüssig wird. Noch fällt es den meisten Ärzten schwer, die Besonderheiten türkischer Patienten zu akzeptieren. Manchmal entsteht der Eindruck, daß ausländische Patienten den Praxisalltag eher stören oder gar unerwünscht sind. Allerdings werden Türken der sozialen Oberschicht genauso erstklassig versorgt wie Deutsche der gleichen Schicht. Umgekehrt werden Deutsche der unteren Schichten ähnlich vernachlässigt wie türkische Migranten unterer Schichten.

Obgleich es in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges Millionen Flüchtlinge und Vertriebene gab, hat sich hier für Toleranz gegenüber Migranten kaum Tradition entwickelt - weder in der Politik, der Wissenschaft, den Medien noch in der Medizin. Dabei wird die Problematik der Migration in Deutschland dramatisch zunehmen. In den nächsten Jahren, so lauten die Prognosen, müssen über eine Milliarde Menschen aus tiefster Armut oder ökologischen Gründen ihr Land verlassen. Circa fünf Prozent dieser Flüchtlinge werden zu uns nach Europa kommen.

Hier gilt es, Vorsorge zu treffen. Initiativen wie die Türkisch-Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie und Stoffwechselkrankheiten sollten in ihrer Öffentlichkeitsarbeit, aber auch finanziell gefördert werden. Insbesondere ist ein verstärktes deutsches Engagement erforderlich. Von türkischer Seite besteht durchaus der dringende Wunsch nach intensiver Zusammenarbeit.

Der Autor ist Professor für Innere Medizin an der Universität Hamburg

 
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