Die Handschrift im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit: Mit der vom Stroemfeld Verlag initiierten Kafka-Ausgabe hat für die Philologie eine neue Epoche begonnen. Das ist ein paar Überlegungen wert, und man sollte sich dabei weder von der schallenden Polemik der beteiligten Philologen stören lassen noch vom eigenen Entzücken angesichts der Möglichkeit, eines Tages alle Kafka-Texte in der Handschrift des Autors und begleitet von einer perfekten Lesehilfe vor Augen zu haben.

Daß mit Editoren nicht zu spaßen ist, wissen wir seit langem. Kein Metier der Geisteswissenschaften bringt erbarmungslosere Wesen hervor. Wie die javanischen Kampfhähne leben sie mit hauchdünnen, tödllich geschliffenen Klingen an den Fersen, jederzeit bereit, aufzuflattern und dem Gegner, der mit den gestrichenen Kommata in der Handschrift anders umgeht als sie, das Messerchen an die Kehle zu führen. Ihr Archetyp ist Jean Pauls Dr. Katzenberger, der bewaffnet ins Bad Maulbronn reist, um daselbst seinen kritischen Gegner "durch neue Lesarten und Verbesserung der falschen vermittels des Ausprügelns" in eine leibhaftige neue "Herausgabe" zu verwandeln. Der ganze Glaubensgehalt und die metaphysische Mission, die der Germanistik so peinlich abhanden gekommen sind, seit sie sich nicht mehr im Dienst einer heiligen Nation oder einer Weltrevolution verzehren darf, haben sich in die Editionswissenschaft zurückgezogen. Hier wird noch um absolute Werte gekämpft und geblutet, vor allem auch bluten gemacht. Das hat Spektakelwert, und es läßt sich durchaus genießen, wenn man als Zuschauer nur ruchloser Agnostiker genug ist.

Schon die Art, wie die Öffentlichkeit mit der neuen Kafka-Ausgabe bekannt gemacht wurde, hatte in ihrer überlegten Strategie, in der Präzision der einzelnen Schritte und in der philologischen Makellosigkeit der Dokumentation etwas Blendendes, den Charakter eines Kunstwerks aus Wissenschaft und PR. Und die düster flackernde, von plötzlichen Stichflammen der Empörung durchsetzte Leidenschaft, mit der die Herausgeber, insbesondere Roland Reuß, im Einleitungsband und in ihrer Zeitschrift Textkritische Beiträge über die Ausgabe des Fischer Verlags herfallen, ist von der überlegenen Gefühlsregie eines Lessingschen Anti-Goeze. Am Schluß wird der Germanist wieder zum Seher und Sänger, taucht sein verlorenes, nie vergessenes, nie verwundenes Priesteramt wieder auf. So nämlich des Editors säkulare Sendung dargestellt: "Wer nach den Zerstörungen der letzten 100 Jahre mit ihrer Vernichtung nicht nur von Menschen, sondern auch von Schriften, nicht begriffen hat, daß Edieren die katastrophische Phantasie voraussetzt, sich vorzustellen, die Handschrift könne bereits im nächsten Augenblick verschwunden, zerfallen, verbrannt sein, der hat von dieser Zeit nichts verstanden. Ihr wichtigster, allein verallgemeinerbarer Editionsratschlag: Ediere so, als erlösche mit deinem Blick aufs Manuskript die Schrift. Motiv der Rettung."

Das ist der Kantische Imperativ, verbunden mit der Größenphantasie eines Erlösers: Laß dich von mir edieren, und du wirst das ewige Leben haben! Das ist großartig, ohne Zweifel. Es ist ein genuines Stück Gegenwartsliteratur, mit jenem untergründigen Rollen und prophetischen Ahnen, das Botho Strauß neuerdings so gut beherrscht. Nicht ganz einzusehen ist nur, warum beim kommenden Weltenbrand zwar alle Handschriften, nicht aber auch die Ausgaben des Stroemfeld Verlags in Asche sinken werden.

Die Inszenierung ist eines, die Wirklichkeit der Edition ein anderes. Man hört sich an, was über sie gesagt und geschrieben wird; man hat seine Zweifel und Bedenken; aber kaum hat man den Einleitungsband in Händen, wo immer auf einer Seite die Kafka-Handschrift steht und auf der Gegenseite die genaue Transkription, verfällt man dem Zauber dieser Ausgabe. Noch während man sich überlegt, was alles denn gegen den Husarenstreich spreche, mit dem Stroemfeld dem Fischer Verlag ins Gehege bricht, ertappt man sich beim hellen Erschrecken über dem Gedanken, das Unternehmen könnte scheitern. Die geniale Simplizität, mit der Kafkas Werk hier vorgelegt wird, ist der künstlerisch geprägte Einfall eines Verlags, der seine philologische Knochenarbeit seit je mit einer maßstabsetzenden Kultur der Buchgestaltung zu verbinden wußte.

Offiziell gerechtfertigt wird diese Präsentation sämtlicher Handschriften in Faksimile mit streng editionsphilologischen Argumenten. Das eigentlich Sensationelle daran aber ist gar nicht die Leistung der Herausgeber, es ist die Beschaffenheit von Kafkas Manuskripten selbst. Sie sind so klar, mit so wenig Korrekturen versehen, sind so unmittelbar lesbar im schönen Raum, der um jedes Zeichen atmet, wie man es sonst nur von den Manuskripten Sigmund Freuds her kennt. Und wie die Zeichen in ihrem Raum leben! Wie das K, die Schicksalsletter des Autors, bald als starres kleines Gebilde dasteht, bald mit einem ungeheuren Abschwung in die Tiefe fährt, weit in die untere Zeile hinein, als müßte einem Ertrinkenden ein Seil ausgeworfen werden - aber schön in der Bewegung, frappierend an jene line of beauty erinnernd, in der der englische Maler Hogarth im 18. Jahrhundert die einfachste Erscheinungsform des Schönen gefunden zu haben glaubte! Und wie die Querstriche der A und F, insbesondere aber immer wieder der t, mit freier Gewalt in das feine Schriftbild gehauen sind: ein Gestus, der sich zu verselbständigen scheint, der das einzelne Blatt graphisch prägt wie ein Wurf von Wunden (so werden es die melodramatischen Kafka-Leser empfinden) oder, besser und richtiger, wie die blitzschnell gesetzten Bambusblätter auf japanischen Zeichnungen. Wer den Autor liebt, mit ihm lebt, wer mit einzelnen Stellen und Momenten seines Schreibens vertraut ist wie mit Augenblicken der eigenen Kindheit, dem wird hier ein Lesen ermöglicht, das die bisherigen Texterfahrungen steigert und erweitert.

Auf den philologischen Streit im einzelnen ist an dieser Stelle nicht einzugehen. Er ist angelaufen und wird fortlaufen und wird in seiner Verbindung von offenen textkritischen und versteckten kommerziellen Argumenten spannend zu verfolgen sein. Was hingegen aufgezeigt werden muß, ist ein grundsätzliches Literaturverständnis, das hinter dieser und anderen Ausgaben des Stroemfeld Verlags steht. Es hat seine Konsequenzen für den Umgang mit Literatur überhaupt, insbesondere aber für Leser und Verleger und für das große Feld der Literaturvermittlung im Unterricht auch noch der Hochschulen. Die neue Kafka-Ausgabe verabschiedet sich dezidiert aus einer Pflicht, die für historisch-kritische Ausgaben eigentlich immer selbstverständlich und unabdingbar war: daß nämlich aus dem ganzen immensen Aufwand der Rekonstruktion der Textgenese mit ihren Stufen und Varianten, Streichungen, Paralipomena und Lesarten zuletzt als das keineswegs sekundäre Ziel auch eine einzige, verbindliche, rundum verantwortete und definitive Gestalt des Textes hervorgehen sollte. Die unendlichen Mühen der Philologen und die beträchtlichen Aufwendungen der Öffentlichkeit, von der die Philologen in der Regel leben, werden zuletzt belohnt durch das fertige Werk in seiner besten, so zweifelsfrei wie nur möglich gesicherten Gestalt. So kann es dann auch weggetragen werden aus dem höhlenartigen Labor seiner Rekonstruktion, abgetrennt von den komplizierten Apparatbänden, und alle Leser und Lehrer und Liebhaber, alle Händler und Verleger haben irgendwann einen schmalen Band in Händen, von dem sie denken: Das ist jetzt also, aufs Komma genau, das Werk des Dichters. So vollkommen und ganz nur von ihm gewollt hat auch dieser selbst sein Geschöpf nie vor sich gesehen.