Der berühmte Kaufhauserpresser, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, zwischen 1988 und 1994 insgesamt "siebzehn selbständige Handlungen" (mittels Geräten, Sprengstoffen und noch dazu bewaffnet) begangen zu haben, hält auch vor Gericht, was seine Taten bis zu seiner Verhaftung bloß versprachen: daß man selbst als Verbrecher Mensch bleiben kann, ja muß, "um es mal salopp zu sagen" - wie die Lieblingsformulierung des Richters Nils Neelsen lautet, der über Dagobert zu Gericht sitzt.

Mit Neelsen, 58 Jahre alt, hat Arno Funke Glück gehabt, denn den interessieren selbst kleinste Details an den Geräten und Bomben, die der "geniale Bastler und intelligente Tüftler" zur Erpressung und Geldübergabe baute. Einmal will er eine "schlechte Lötstelle" in einer Doppelbombe, im polizeilichen Gutachten "USpV" (unkonventionelle Sportvorrichtung) genannt, geklärt haben: "Herr Funke, was ist denn da passiert?" Dann erkundigt er sich besorgt, ob die Einstellschraube am Potentiometer eines Kurzzeitzünders vom Angeklagten auch mit einem "Lacktropfen" gesichert worden sei. Ein anderes Mal erklärt er selber sich und den Zuhörern im Saal den Grund für die Entgleisung eines zur Geldübergabe von Funke gebauten Einschienenfahrzeugs, welche seiner Meinung nach "immer herzlos als Lore bezeichnet wird": "Das waren da sicher zweimal gewendete Schienen, so was gibt es."

Der ebenso sympathische wie intelligente Schilder- und Lichtreklamehersteller Funke macht es dem Richter allerdings auch leicht: Nach anfänglichen Schwierigkeiten, "in Fluß zu kommen", gesteht er in den ersten drei Gerichtssitzungen selbst Taten, deren er gar nicht angeklagt ist: zum Beispiel, daß er mit einer Pistole bewaffnet war, als ihn ein Polizist schon fast festgenommen hatte, aber im letzten Moment dann auf einem Hundekothaufen ausrutschte. Die Waffe hätte er jedoch nur gegen sich verwendet, fügt Funke hinzu, im Falle seiner Verhaftung. Wie ihn überhaupt der Gedanke, Selbstmord zu begehen, allererst zu seinen kriminellen Taten getrieben habe: "Wenn man schon mal so weit ist, dann kann man auch noch was probieren, was vielleicht einen neuen Weg bringt." Um an Geld ranzukommen, wollte er jedoch keine Gewalt gegen Menschen anwenden, deswegen kam ihm die "Idee mit der Erpressung: weil ich dabei die Druckmittel so gezielt einsetzen wollte, daß dabei niemand zu Schaden kommt".

Weil Funke noch ein bißchen Chemiekenntnisse aus der Schule besaß und auch früher mit Raketen experimentiert hatte, baute er eine Bombe mit Zeitzünder, die er am 25. Mai 1988 gegen Mitternacht in der Sportabteilung des Berliner KaDeWe zur Explosion brachte. Der Hertie-Konzern ließ ihm schon wenig später durch die Polizei 500 000 Mark übergeben.

Bis dahin hatte Funke als selbständiger Lackierer gearbeitet. Nicht zuletzt durch die dabei jahrelang eingeatmeten hochgiftigen Dämpfe und weil er "zuviel" damals getrunken habe, sei er immer unkonzentrierter und antriebsloser geworden: "Nichts hat mir mehr Spaß gemacht - leer!" Nach der erfolgreichen Erpressung hörte er mit dem Trinken auf und ging zum Arzt. Langsam sei es ihm besser gegangen, wobei er sich jedoch nicht sicher gewesen sei, ob das an den verordneten Medikamenten oder an der erbeuteten halben Million lag. Erst einmal ging er dann auf Reisen. "Aber noch im Jumbo-Jet saß ich mit dem Gefühl, in einem BVG-Bus zur Arbeit zu fahren." Frankreich, Spanien, Korea, die Philippinen: "Da habe ich meine Frau kennengelernt und dann gemerkt, wenn ich mit jemandem zusammen bin, empfinde ich die Leere und Sinnlosigkeit nicht so stark."

Sie, Edna, kam dann nach Deutschland. "Als sie schwanger wurde, haben wir geheiratet, es gab eine gewisse gesundheitliche Besserung." Funke will das unter anderem daran gemerkt haben, daß er sich in Kassel plötzlich daran erinnern konnte, wo er kurz zuvor sein Auto geparkt hatte. Edna und er reisten zusammen in Deutschland und Europa umher. "Meine Frau war resolut, wollte was unternehmen oder hat Druck gemacht, daß ich zum Beispiel die Wohnung renoviere. Auf die Weise bin ich dann doch zu was gekommen." Im Jahr 1991 empfand er bei sich sogar "gewisse Stimmungen" wieder. Aber auch die Suizidgedanken gingen ihm wieder durch den Kopf: "Die Aussicht, von Sozialhilfe zu leben, war nicht sehr rosig. Ein bißchen Geld haste noch. Vielleicht schaffst du es ja, die Polizei noch einmal reinzulegen . . ." Also bereitete er eine neue Kaufhauserpressung vor, diesmal beim Karstadt-Konzern: "Ich wollte es gerecht verteilen."

Die Fragen des Staatsanwalts Thomas Schwarz beschränken sich auf das "Restrisiko" bei den Bombenexplosionen: ob jemand dabei hätte verletzt oder getötet werden können? - Was Funkes Anwalt, Wolfgang Ziegler, jedesmal mit insistierenden Fragen zur Umsichtigkeit und Professionalität seines Mandanten herunterzuspielen versucht. Dies kommt wiederum der Technikbegeisterung des Richters entgegen, so daß bereits am vierten Tag das Bombenattentat in einer Abstellkammer der Karstadt-Filiale Magdeburg nicht mehr als gefährliche Brandstiftung, sondern nur noch als Sachbeschädigung verhandelt wird und sich damit etliche Zeugenladungen erübrigen. Funke hatte seine USpV dort so deponiert, daß sofort die Sprinkleranlage, die bei 63 Grad anspringt, ausgelöst werden mußte. Auf diese Weise wollte er einen "maximalen Schaden" - durch Wasser - hervorrufen.