Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen, lautete eine schlichte Weisheit in den sechziger Jahren, die sich besonders leicht auf die Gegenwart anwenden ließ. Ein anderes Junktim war tabu: Wer Nazis und Stalinisten miteinander verglich, galt automatisch als Kalter Krieger. Selbst nach Solschenizyns "Archipel Gulag" wurde kaum versucht, die Geschichte der Sowjetunion und der von ihr ausgehenden Politik im Magnetfeld von "Antifaschismus" und "Antikommunismus" zu situieren. Lagen die methodischen Schwächen der Totalitarismus-Theorie nicht auf der Hand? Und doch dürfte klar sein, daß die genaue Erforschung der stalinistischen Verbrechen und des geheimen Wechselspiels von Stalinismus und Nationalsozialismus zu den großen geschichtswissenschaftlichen Aufgaben des ausgehenden Jahrhunderts gehört.

Der seit einigen Jahren in Chicago lehrende französische Historiker François Furet, Jahrgang 1927, hat dazu jetzt eine umfangreiche programmatische Skizze vorgelegt. Man nimmt sie zunächst nicht ohne Skepsis zur Hand. Furet wäre ja nicht der erste ehemalige Kommunist, der seine Erinnerungen als wissenschaftliche Analyse ausgeben würde. Auch ist sein Spezialgebiet nicht die Geschichte des 20. Jahrhunderts, sondern die der Französischen Revolution. Nachdem er sich zu Beginn seiner Karriere als Sozialhistoriker profilierte, das Sprungbrett der berühmten Zeitschrift Annales nutzend, wechselte er in den siebziger Jahren, als er Präsident der renommierten Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales war, ins Lager der Geistesgeschichte über. Das von ihm gegründete Centre Raymond Aron bildet heute in der französischen Wissenschaftslandschaft einen Hort des Liberalismus mit engen Beziehungen zu Presse und Fernsehen. Hier entstehen eher leicht konsumierbare politische Essays als schwergewichtige Forschungsarbeiten. Auch das vorliegende Buch präsentiert sich im Untertitel, trotz seines Umfangs, als "essai". Was zunächst wie Koketterie anmutet, erweist sich jedoch als treffende Charakterisierung einer Methode, die mal narrativ, mal argumentierend den Forschungsstand erschließt und das Thema entfaltet.

Um es gleich zu sagen: Furets Versuch über den Sowjetmarxismus im 20. Jahrhundert ist sicher ein großer Wurf. Denn zum ersten Mal wird hier ein Problemfeld erschlossen, das bislang - wenn überhaupt - nur mit Scheuklappen betreten wurde. Es geht um die Geschichte eines quasireligiösen Mysteriums, einer Illusion im Freudschen Sinne, die heute jedoch keine Zukunft, sondern nur noch eine Vergangenheit hat, wie es im Buchtitel heißt. Es ist eine Geschichte endloser Propagandakampagnen und Täuschungen, von Potemkinschen Dörfern jedweder Art, die schon damals oft durchschaut wurden (und heute allgemein bekannt sind), deren faszinierende Wirkung aber paradoxerweise damit nicht automatisch aufgehoben war. (Auch während der Studentenbewegung der siebziger Jahre lebte sie zum Beispiel wieder auf.) Natürlich wußte man schon immer, daß viele Behauptungen über das russische Arbeiterparadies nicht stimmen konnten, aber irgendwie glaubte man trotzdem daran. Weil man glauben wollte. Mit ihren Losungen, ihrer Sprache und ihren heiligen Texten, ihren Ritualen und Symbolen kam die kommunistische Politik auf geradezu ideale Weise dieser Bereitschaft zum magischen Denken, zum Köhlerglauben, aber auch zum Verschwörungswahn und zum Fanatismus entgegen, wobei die ideologische Identifikation um so besser funktionierte, als die unterworfenen Subjekte vom "realen Sozialismus" möglichst weit entfernt waren. Dort herrschte nämlich ein Terrorregime, das seine Unterdrückungspraktiken (Massenerschießungen, einkalkulierte Hungersnöte, Deportationen) von Fall zu Fall mit ideologischen Notlügen und aberwitzigen historischen Analogien - etwa zur Französischen Revolution - legitimierte.

Im Westen - und zumal unter Intellektuellen - hätte man all dies wohl schon in den dreißiger Jahren erkennen können. Berichte und Dokumente gab es genug. Aber jede Kritik wurde von den kommunistischen Parteien tabuisiert: Die Fähigkeit zur Mythologisierung der eigenen Geschichte und zur Denunzierung jeder Kritik war eine der erstaunlichsten Leistungen des Stalinismus, der die Weltöffentlichkeit um so leichter hinters Licht führen konnte, als überall die Bereitschaft bestand, die Macht des Faktischen anzuerkennen und die eigenen Ideale und Illusionen vor Erschütterungen zu schützen.

Der wohl gelungenste ideologische Effekt der sowjetischen Propaganda, die Furet hier historisch demontiert, ist die Legende und Losung vom "Antifaschismus". Daß ausgerechnet ein solcher Staat seine Außenpolitik als Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten kaschieren konnte, mutet aus heutiger Sicht absurd an. In der Konstellation der dreißiger Jahre wurde dies jedoch kaum hinterfragt - jedenfalls nicht im eigenen "Lager"; damit hätte man ja "objektiv" dem anderen "Lager" gedient. Erst der Hitler-Stalin-Pakt und seine kriegerische Einlösung öffneten vielen die Augen. Das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Entdeckung der deutschen Vernichtungslager wogen dann jedoch alles wieder auf: Die Sowjetunion war der strahlende Sieger, dem halb Europa anheimfiel. Von den großen Prozessen, dem Kulakenmord oder Katyn sprach keiner mehr. Sogar nachdem Chruschtschow 1956 wenigstens einige Verbrechen Stalins beim Namen genannt und sich das Land, wie Furet schreibt, aus einem totalitären Staat in einen Polizeistaat gewandelt hatte, blieb die affektive Bindung eines Teils der ausländischen Öffentlichkeit an das Land des "Roten Oktober" noch jahrzehntelang erhalten.

Kein Zweifel, über dieses brisante Buch wird man noch lange diskutieren. Zumal es sich keineswegs um ein Pamphlet mit überspitzten Thesen handelt, sondern um eine erstaunlich durchkomponierte, elegant formulierte Analyse, deren große Vorbilder Hannah Arendt und Raymond Aron, aber auch George Orwell und Arthur Koestler sind. Daneben beruft sich der Autor auf Fachhistoriker wie Richard Pipes oder Karl Dietrich Bracher. Ernst Nolte widmet er übrigens eine längere lobende Fußnote, worin er ihn gegen einige Vorwürfe verteidigt und die Legitimität seiner Vergleiche von Nationalsozialismus und Bolschewismus betont. Noltes Thesen über eine angebliche Kriegserklärung des jüdischen Weltkongresses gegenüber Deutschland seien dagegen unhaltbar und skandalös.

Natürlich kann man mancherlei einwenden: Irrtümer und Ungenauigkeiten im Detail, zuviel "Politologie" und Intentionalismus und zuwenig Gesellschaftsgeschichte, eine penetrante Überschätzung der großen Männer, die Geschichte machen, und eine entsprechende Verachtung sozialwissenschaftlicher Konzepte. Aber das wäre eben ein anderes Buch, das ein(e) andere(r) schreiben müßte. Statt dessen bietet uns Furet eine äußerst lesbare, im großen und ganzen überzeugende Skizze und Kritik der sowjetischen Ideokratie, wie er es nennt, mit ihren Niederschlägen in der Geistesgeschichte unseres Jahrhunderts.