Magister ex machina
Omnibus Form Cornelsen Verlag; auf 3,5-Diskette ISBN 3-464-91282-5, auf 5,25-Diskette ISBN 3-464-08928-5; 78 Mark Primus Klett Verlag; ISBN 3-12-130130-6; 98 Mark Sprachlabor Latein Boeder Software; ISBN 3-929706-38-5; 59,95 Mark Navigium Direkt von Philipp Niederau, Tel. 0241/60 76 69; 89 Mark
Schon seit Menschengedenken, spätestens aber seit der Erfindung des humanistischen Gymnasiums weist der Terminkalender des gemeinen Primaners neben den üblichen Verabredungen zum Kinobesuch auch Geschäftliches auf. Jüngeren Mitschülern durch Nachhilfeunterricht auf die Sprünge zu helfen ist eine einträgliche, bisweilen aber auch mühselige Angelegenheit. Die Tage des manuellen Eintrichterns lateinischer Stammformen und des Aufdröselns antiker Textpassagen könnten jedoch gezählt sein. Und das nicht, weil sich endlich die Stimmen durchsetzen, die schon seit Jahren Latein als tote Sprache schmähen. Vielmehr bekommt der Nachhilfelehrer Konkurrenz von Computerprogrammen, die sich dem angeblich anachronistischen Stoff auf mehr oder minder zeitgemäße Weise nähern. Aber ist die Konkurrenz auch ernst zu nehmen?
Ja, sollte man meinen, wenn man unter den Anbietern auf Anhieb einen so renommierten Namen wie den Klett Verlag findet. Allerdings möchte man zunächst den Verfassern des spartanischen Handbüchleins, das dem Klett-Produkt "Primus" beiliegt, eine Deutschstunde empfehlen: Ihr erster Satz "richtet sich an alle Schüler und Erwachsene". Als fast gemeingefährlich erweist sich "der Erste" selbst. Primus, ein Programm für DOS, ist hochgradig unflexibel und verlangt vom Benutzer genau das, was er eigentlich dank interaktiver Software vergessen wollte: hirnloses Pauken. Da wird auf ein vorgegebenes Schema hin gedrillt, das dem Lernwilligen nicht nur eine falsche Vokabeldeutung als Fehler anrechnet, sondern das für jede Wortart neue Ausnahmen von den ohnehin aus der Luft gegriffenen Eingaberegeln aufstellt. Der weitgehende Verzicht auf eine Benutzerführung und unvollständige Hilfetexte tragen ihr Teil bei.
Das wirft den Verdacht auf, daß sich die altehrwürdigen Schulbuchverlage den neuen Medien vielleicht nicht mit Enthusiasmus widmen, und "Omnibus" aus dem Hause Cornelsen tut wenig, ihn zu zerstreuen. Hier wird die Besitzerin eines DOS-Computers mit der nur in Ansätzen deutschen Aufforderung "Bitte gebe jetzt den Namen ein" begrüßt. Wenn das Programm später das Femininum von ego abfragt, fühlt sich zwar das weibliche Ego geschmeichelt, aber der um Neutralität bemühte Verstand stellt dennoch die grammatische Sinnfrage.
"Omnibus" ist vielleicht für alle gedacht, doch die umständliche Bedienung legt den Griff zum guten alten Lateinbuch und seinen zur Hälfte abgedeckten Vokabelspalten nahe. Die Rache der Papier- Konservativen?
Mitnichten, kontert die Firma Boeder, die schon länger mit unbedrucktem Papier und unformatierten Disketten handelt. Seit einiger Zeit mischt sie auch interaktiv auf dem Softwaremarkt mit. "Sprachlabor Latein" heißt das pfiffige (und, wenn die nötige Hardware bereits vorhanden ist, preisgünstige) Produkt auf Windows-Basis mit den drei Modulen Grammatiktrainer, Verbentrainer und Vokabeltrainer vor allem für leicht fortgeschrittene Lateiner. Eine animierte Maus kommentiert auf dem Bildschirm lautstark Erfolge und Mißerfolge und motiviert selbst ausgebuffte Faultiere.
Der spielerische Ansatz, der auch zur Eingabe eigener Eselsbrücken ermuntert, legt nur beim Erstellen von persönlichen Vokabellektionen Stolpersteine aus. Dort wird nicht auf den Wortschatz des Programms zurückgegriffen, also muß jede Vokabel mühsam von Hand eingegeben werden - so wird jeder unbemerkte Tippfehler später zur Falle. Die bisher vorgestellten Programme sind übrigens über den Buchhandel normalerweise problemlos zu beziehen.
Wer von Anfang an Latein nicht nur für die Schule, sondern fürs Leben lernen will, dem hilft ein kleines, feines DOS-Programm mit einer interessanten Entstehungsgeschichte: Karl Niederau ist Lateinlehrer an einem Aachener Gymnasium und Vater eines computerversierten Teenagers. 1991 machten sich Vater und Sohn Philipp an die Entwicklung eines Programmes, das gleichermaßen als bewegliche lateinische Grammatik wie als Einstieg in die Informatik brauchbar sein sollte. Heute blickt "Navigium" auf zwei "Jugend forscht"-Prämierungen zurück und auf einen dreijährigen Praxistest am Aachener Pius-Gymnasium. Die Schüler trieben dem Programm auch die letzten Macken aus, und unter seiner nüchternen DOS-Oberfläche verbirgt sich ein verblüffend durchdachtes Konzept, das Spaß am disziplinierten Arbeiten macht. Aus einem umfangreichen Wörterbuch kann sich jeder Schüler die Vokabellektionen seines eigenen Lateinbuches zusammenstellen. Das Programm fordert nach streßfreiem Lerneinstieg zum Wettstreit auf Zeit heraus, dessen Ergebnisse es mit frechen lateinischen Sinnsprüchen kommentiert. Es ist nicht bunt und bewegt, es sagt nicht autsch bei Fehlern, aber es bietet auch so Anlässe zum Lachen. Weil die Rückmeldungen zuverlässig sind, kann man den Nachwuchs getrost mit "Navigium" allein lassen. Und gerade für Kinder mit Lernschwierigkeiten dürfte der stumme Begleiter eine weniger starke Ablenkung bedeuten als die Anwesenheit eines entnervten Primaners, der mit seinem pädagogischen Latein schon lange am Ende ist.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 08/1995
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