Der Polizei auf der Spur

von Klaus-Dieter Knapp

Soweit die Tatverdächtigen nur mit Vornamen genannt werden, sind diese Namen geändert. Auch die Vornamen einiger Zeugen wurden geändert.

Der Mörder ist noch auf freiem Fuß. Aber seine Tat wird nicht vergessen. Manche der Passanten, die auf dem Stockholmer Sveavägen vor dem Farbengeschäft Dekorima innehalten, können sich auch heute noch ihrer Tränen kaum erwehren.

Anzeige

Die Straße, die hier kreuzt, heißt zur linken längst nach dem Mann, der an dieser Stelle am Abend des 28. Februar 1986 hinterrücks erschossen wurde: Olof Palmes Gatan. Der Mord hat Schweden nie zur Ruhe kommen lassen, denn Olof Palme war ein besonderer Mann. Fünfzehn Jahre lang war er schwedischer Ministerpräsident und Chef der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei - ein Staatsmann und ein radikaler Linker zugleich, von geschliffenem, oft verletzendem Intellekt und dennoch ein populärer Landesvater. Mit den Vereinigten Staaten legte er sich immer wieder an, weil er deren Krieg in Vietnam für ein Verbrechen hielt. Daheim baute er den Sozialstaat aus und focht unablässig für die praktizierte Gleichheit der Menschen im "Volksheim".

Als Olof Palme von Mörderhand fiel, fühlten die Schweden sich selbst und ihr Leben im Idyll am Rande Europas getroffen. Nie haben sie sich deshalb damit abgefunden, daß der Mordfall Palme ohne Aufklärung blieb. Über die Jahre haben eine Handvoll Journalisten eine Fülle von Indizien für eine eigene Mordtheorie zusammengetragen. In ungezählten Radiosendungen und Zeitungsartikeln haben sie ihre Hypothesen ausgebreitet, dabei auf Zeugenbefragungen, Untersuchungsprotokolle, auch auf Spekulationen zurückgegriffen. Ihre Version bietet eine Lösung des Rätsels an. Sie ist plausibel. Bewiesen ist sie nicht.

"Es gibt staatstragende Kräfte, die nicht wollen, daß der Mord an Olof Palme aufgeklärt wird", wird Harry Schein später sagen. Und er sollte recht behalten. Schein war lange Chef des Schwedischen Fernsehens und gehörte zum engsten Freundeskreis von Ministerpräsident Olof Palme. Am Freitag, dem 28. Februar 1986, liefert er sich in einer Stockholmer Tennishalle ein Match mit diesem Freund. Es ist der letzte Tag im Leben von Olof Palme.

Ministerpräsident Palme, in Schweden nennt man ihn Staatsminister, beendet gegen halb elf seinen sportlichen Tagesauftakt. Anschließend läßt er sich von zwei Leibwächtern zu einem Herrenmodengeschäft fahren. Die Leibwächter sind sauer: Olof Palme will einen Anzug zurückgeben, den er sich am Vortage ohne ihr Wissen gekauft hat. Der Staatsminister hat also mal wieder einen Einkaufsbummel gemacht - zu Fuß, völlig allein, ohne Sicherheitspersonal. Das ist typisch für Olof Palme, Begleitschutz ist ihm lästig.

Olof Palme entläßt seine Leibwächter gegen 11 Uhr. Es folgt ein normaler Arbeitstag.

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Polizei | Mord | Schweden | Tatort | Stockholm
Service