Der Polizei auf der SpurSeite 10/12

Einer der Walkie-talkie-Männer am leeren Schaufenster wird später ebenfalls wiedererkannt, auch er ein Polizist. Als Olof Palme erschossen wird, halten sich im Umkreis von etwa 400 Metern um den Tatort mindestens dreißig Polizisten auf, von denen mindestens achtzehn dort nichts verloren haben. Einen Auftrag hatte keiner von ihnen.

Auch Karl ist in der Nähe des Tatortes. Karl ist jener Polizist in dem Streifenwagen, den Zeugin Eva langsam an zwei Walkie-talkie-Männern vorbeifahren sieht. Er führt die erste Personenkontrolle nach dem Mord durch. Er habe einen Verdächtigen, der auf die Täterbeschreibung passe. Nur: Bis zu diesem Zeitpunkt ist überhaupt noch keine Täterbeschreibung erwähnt worden. Karl hatte den Mietvertrag für eine Wohnung im Järnmalsvägen im Stockholmer Stadtteil Traneberg. Bald nach dem Mord übernimmt Karls Kollege Gunnar den Mietvertrag. Als es in dieser Wohnung einen Wasserrohrbruch gibt, muß der Hausmeister einen Schrank beiseite rücken. Ihm rollt dabei ein SS-Helm vor die Füße. Im Schrank werden noch ein Dutzend Hakenkreuzfahnen, komplizierte Abhöranlagen und einige Walkie-talkies gefunden. Als der Klempner den Wasserschaden beheben will, kommt ein vollbesetzter Mannschaftswagen der Norrmalm-Polizei vorbei. Auch in Stockholm kümmert sich die Polizei normalerweise nicht um Wasserschäden, das ist Sache der Handwerker. Die Polizisten fragen wütend, was denn da los sei.

Warum dieses außergewöhnliche Interesse der Norrmalm-Polizisten an dieser Wohnung? Ihre Fahrt nach Traneberg wird nicht als Einsatz registriert; zudem liegt Traneberg außerhalb des Norrmalm-Distriktes. Nach Meinung der Nachbarn wohnt niemand in dieser Wohnung, und tatsächlich hat Gunnar auch noch zwei andere Adressen. Der Schlüssel für die Wohnung hängt offen, für alle zugänglich, bei der Norrmalm-Polizei. In die Wohnung führt eine besondere Telephonleitung, und die erhöhte Lage des Hauses eignet sich für eine Walkie-talkie-Kommunikation bis in die Stockholmer Innenstadt hinein. Genau aus dieser Richtung kamen die unregistrierten Polizeifahrzeuge, die der Zeuge Tommy einige Minuten vor dem Mord sah. Eine Hausdurchsuchung wird nicht vorgenommen. Im Gegenteil: Die Fahnder geben Gunnar die Möglichkeit, all diese seltsamen Gegenstände seelenruhig aus der Wohnung zu schaffen.

Alle bisher bekannten Polizeispur-Zeugen sind von Journalisten aufgespürt worden. Nicht ein einziger Polizeispur-Zeuge wurde von der Polizei selbst präsentiert. Die Fahndungsleitung geht mit den bekanntgewordenen Zeugenbeobachtungen seltsam um. Der Verfolger Lars wird am Tatort in einem Mannschaftswagen vernommen. Seine Aussage wird nicht weitergeleitet. Ingrid, die die Streife 1520 sah, wird erst gehört, nachdem ihre Beobachtungen öffentlich bekanntwerden. Man versucht ihr einzureden, sie habe einen Angestellten einer Wachgesellschaft und keinen Polizisten gesehen. Doch der von der Fahndungsleitung ausersehene Wachmann beteuert, nicht dort gewesen zu sein. Maj-Britt und Märta melden sich unmittelbar nach dem Mord bei der Polizei. Sie werden abgetan mit der Bemerkung: "Blonde Männer suchen wir nicht", nur Ausländer seien interessant. Eva, die Karl beobachtete, bekommt von den Fahndern zu hören, sie habe lediglich drei betrunkene Männer gesehen. Leila fertigt von dem Verfolger Palmes, der ihr in der U-Bahn aufgefallen war, ein Phantombild an. Dieses Phantombild wird umgehend zur Geheimsache erklärt. Pär erlebt genau dasselbe. Inga darf nur Photos von ausländisch aussehenden Männern betrachten, obwohl sie immer wieder beteuert, typisch schwedische Männer gesehen zu haben. Jerker, der Alfred wiedererkannte, fühlt sich gar von der Polizei bedroht, ebenso Lars Krantz und der Busfahrer. Einige Zeugen in der Polizeispur sind bis heute nicht vernommen worden. Doch selbst Jahre nach dem Mord werden immer noch neue Zeugen bekannt. Erst im November 1992 gaben Katja und Pirjo ihre entscheidenden Beobachtungen preis. Katja und Pirjo stammen aus Finnland. Sie leben in einem nördlichen Vorort von Stockholm. 1985 besucht Katja regelmäßig ein Fitneß-Studio. Dort fällt ihr ein finnisch sprechender Mann auf. Der Landsmann heißt Pertti. Er ist bekannt in dem Fitneß-Studio, er kommt oft vorbei, aber Katja interessiert sich nicht weiter für ihn.

Am Abend des 28. Februar 1986 kommen Katja und Pirjo gleichzeitig mit Olof Palme aus einem Kino, allerdings aus einem anderen, einen Kilometer entfernt, auf der Kungsgatan. Katja und Pirjo wollen sich noch ein Möbelgeschäft auf dem Sveavägen ansehen. Es ist 23.18 Uhr. 300 Meter nördlich von ihnen geht das Ehepaar Palme. 23.19 Uhr: Katja und Pirjo sind von der Kungsgatan in den Sveavägen eingebogen. Erst jetzt bemerken sie, daß keine von ihnen eine Uhr dabei hat. Um ihren Vorortzug nicht zu verpassen, müssen sie jemanden nach der Uhrzeit fragen.

Olof und Lisbeth Palme kommen ihnen entgegen. Sie sind noch 200 Meter voneinander entfernt. 23.20 Uhr: Die Palmes stehen vor dem Schaufenster der indischen Boutique "Saris". Katja und Pirjo sind 100 Meter weiter südlich an der Ecke Tunnelgatan angelangt. Vor dem Farbengeschäft Dekorima sehen sie einen Mann mit verschränkten Armen stehen. Katja geht auf diesen Mann zu, um ihn nach der Uhrzeit zu fragen. Genau in diesem Moment bemerkt sie, daß sie diesen Mann kennt, wenn auch nicht mit Nachnamen. Es ist Pertti, der Finne aus dem Fitneß-Studio. Also spricht Katja ihn gleich auf finnisch an. Aber Pertti antwortet nicht. Er blickt Katja nur nervös an. Katja wundert sich, zupft ihn an der Jacke und fragt noch mal: "Wieso kannst du mir denn nicht sagen, wie spät es ist?" In diesem Moment meldet sich eine Stimme aus dem Walkie-talkie. Das Walkie-talkie hält Pertti in seiner Achselhöhle versteckt. Die Stimme sagt auf finnisch: "Jetzt kommen sie!" Darauf Pertti, wiederum auf finnisch: "Ich bin wiedererkannt, was soll ich machen?" Die Antwort, noch mal auf finnisch: "Scheiß drauf und mach, was du sollst!"

Katja und Pirjo empfinden die Situation als unbehaglich, zumal Pirjo unter Perttis anderer Achselhöhle eine Pistole bemerkt. Sie kehren um und eilen in Richtung Hauptbahnhof. Kurz darauf hören sie zwei Schüsse. Nur gut 100 Meter vom Tatort entfernt, drehen sie sich um. Sie können nichts sehen. Sie hoffen, daß es nur das Auspuffknallen des vorbeifahrenden amerikanischen Straßenkreuzers gewesen ist. Die Zeitungen des nächsten Tages machen ihre Hoffnung zunichte.

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