Ein Buch verspricht Furore zu machen. Zum ersten Mal setzt sich die Deutsche Bank - relativ - rückhaltlos mit ihrer Geschichte auseinander, auch mit der zwischen 1933 und 1945. Das mit Abstand größte Kreditinstitut der Republik beauftragte fünf Wissenschaftler von Rang damit, diese Geschichte zu begutachten, und öffnete ihnen bisher verschlossene Archive. Das Ergebnis ist ein 1015 Seiten dickes Werk, das nun am 9. März erscheint, einen Tag vor dem 125. Geburtstag der Bank. (Die ZEIT dokumentiert Auszüge auf den folgenden Seiten.) Ein einzigartiges Projekt. Bisher war der Blick zurück, die kritische Auseinandersetzung auch mit den braunen Flecken auf deutschen Nadelstreifen, ein Arbeitsfeld für linke Wissenschaftler. Nun hat der Branchenprimus des Bankgewerbes das Thema zur Chefsache erklärt. Die Bank gab ihr eigenes Geschichtsbuch in Auftrag und ließ die Historiker dabei, wie der an der University of California in Berkeley lehrende Gerald D. Feldman in seiner Einleitung betont, völlig frei von Zensur und Beeinflussung.

Bislang haben nur wenige Unternehmen in Deutschland den Mut bewiesen, vollständig ihre Archive zu öffnen und dadurch in Kauf zu nehmen, mit einer erschreckenden Vergangenheit konfrontiert zu werden (siehe Kasten Seite 34). Daß die Deutsche Bank hier vorpreschte, ist vor allem ein Verdienst von Hilmar Kopper. Der Vorstandssprecher der Bank, der zuvor, etwa bei der Pleite des Baulöwen Schneider vor einem Jahr, in der Öffentlichkeit eher ungeschickt agierte, ist nicht nur persönlich an historischer Forschung interessiert. Er hat außerdem einen Sohn, der mit einer Arbeit über Banken im "Dritten Reich" promovierte.

Auf jeden Fall stand Kopper viel aufgeschlossener der Idee von Manfred Pohl, dem Haushistoriker der Deutschen Bank, gegenüber, zum Geburtstag des Geldhauses ein umfassendes Geschichtswerk verfassen zu lassen, als sein ermordeter Vorgänger Alfred Herrhausen. Unter dessen Ägide dürfte die Rücksichtnahme auf Hermann Josef Abs, den wegen seiner Rolle während der Nazidiktatur äußerst umstrittenen und 1994 gestorbenen ehemaligen Spitzenmanager des Hauses, noch ausgeprägter gewesen sein.

Aber wie offen gehen die Bank und die von ihr beauftragten Historiker wirklich mit der Vergangenheit um? Nach dem Konzept, das Pohl gemeinsam mit dem Münchner Unternehmenshistoriker Knut Borchardt entwarf, sollten die Wissenschaftler nicht nur die Entwicklung der Bank selbst aufzeichnen, sondern - die Position als Branchenprimus verpflichtet - ihre Bedeutung innerhalb der deutschen Geschichte beleuchten. Um diesem hohen Anspruch gerecht zu werden, wurden hochkarätige Wissenschaftler als Autoren engagiert: Feldman übernahm den Zeitraum von 1914 bis 1933, der Historiker Harold James, ein gebürtiger Brite, der an der Princeton University in den Vereinigten Staaten lehrt, den Abschnitt 1933 bis 1945. Mit der anschließenden Periode bis 1957 befaßte sich der Berliner Volkswirt Carl-Ludwig Holtfrerich, und der Kölner Bankbetriebswirt Hans E. Büschgen schrieb über die jüngste Vergangenheit. Da der als Autor für die Zeit im Kaiserreich ursprünglich vorgesehene Münchner Historiker Thomas Nipperdey starb, sprang dessen Frankfurter Kollege Lothar Gall ein.

Fast alle Autoren sind eher dem konservativen Spektrum zuzurechnen, lediglich Feldman fällt etwas aus der Reihe. Es verwundert deshalb auch nicht, daß vor allem sein Beitrag bei einer zweitägigen Konferenz mit weiteren Wissenschaftlern im Oktober 1993 auf Kritik stieß und kontrovers diskutiert wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich freilich die Situation für die Forscher gegenüber dem Start des Projektes im Jahre 1989 grundlegend verändert. Denn nach dem Fall der Mauer standen auch die Staatsarchive der DDR in Potsdam offen, in denen rund 12 000 Akten der Deutschen Bank lagerten. "Nur ein Wunsch erfüllte die Mitglieder des Vorstands der Deutschen Bank, die das Werk angestoßen haben. Es sollte der Wahrheit verpflichtet werden", schreibt Kopper in seinem Vorwort.

Ganz so einfach ist die Sache mit der Wahrheit allerdings nicht. Trotz riesiger Aktenberge in Berlin und Frankfurt fehlten den Forschern wichtige Unterlagen, vor allem die meisten Protokolle der Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen der Bank. Damit mußte das Bild notwendigerweise unvollständig bleiben. Außerdem gibt es die historische Wahrheit nicht, möglich sind mehr oder weniger überzeugende und in sich widerspruchsfreie Interpretationen vorhandener Daten.

Dies wird vor allem in dem Kapitel von Harold James über die Nazizeit deutlich. James hatte den ohne Zweifel schwierigsten Part des Projekts zu bewältigen. Sein Beitrag ist eine merkwürdige Mischung aus Anklage und Verteidigung; er scheint selbst Zweifel zu hegen, ob er überhaupt einen Standpunkt beziehen soll und wenn ja, welchen. Vielleicht rührt diese seltsame Unentschlossenheit daher, daß er zwischen Ideologie und Aktion, zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Nationalsozialismus nicht sauber trennt. So weist der Historiker zu Recht darauf hin, daß die nationalsozialistische Propaganda den Banken und dem "Finanzkapital" den Kampf angesagt hatte. Doch diesen Reden folgten in der Praxis des nationalsozialistischen Staates kaum Taten. Sie schlossen zwar die Juden aus dem Wirtschaftsleben aus, sie organisierten Boykotts und "arisierten" Unternehmen, doch das Privateigentum als grundlegendes Prinzip der Wirtschaftsordnung ließen sie unangetastet und den Banken weitgehende Freiheiten. Immer wieder bemüht sich James, Argumente zur Verteidigung der Banken zu finden, oft nebulöse. "Banken bestimmen nicht ihr eigenes Schicksal", heißt es etwa oder: "Die Geschäftsleitung der Deutschen Bank hätte wohl versuchen können, sich auf rein wirtschaftliche Aktivitäten zurückzuziehen; aber man lebte nun einmal unter einem Regime, das wirtschaftliche Handlungen zu politischen erklärte." Daß die Bankiers keineswegs nur Opfer der Politik waren, sondern nach Kräften diese in ihrem Sinne zu beeinflussen suchten, nimmt James nur widerwillig zur Kenntnis.