Wozu der Streik?

Die Rituale der Tarifpolitik haben sich verselbständigt. Mitten im Aufschwung wird die Konjunktur durch einen schwer verständlichen und schwer kalkulierbaren Arbeitskampf belastet, den ersten übrigens in der westdeutschen Metallindustrie seit 1984.

Noch vor wenigen Wochen hätten Eingeweihte darauf gewettet, daß ein Abschluß schnell zu erzielen sei. Weder bestritten die Arbeitgeber, daß diese Lohnrunde besser ausfallen müsse als die letzte, noch verschloß sich die IG Metall prinzipiell dem Wunsch nach mehr Flexibilität in den Betrieben. Doch zu echten Verhandlungen über diese Fragen kam es gar nicht, beide Seiten redeten immer lauter aneinander vorbei und verschanzten sich hinter ihren alten Argumenten. Eine Selbstblockade, die nur als Ausdruck der ungeheuren Anpassungsprobleme zu verstehen ist, unter denen die Tarifautonomie im allgemeinen und die Gewerkschaften im besonderen leiden. Es geht zunächst um Glaubwürdigkeit: Die Gewerkschaften setzen sich angesichts der Massenarbeitslosigkeit dem Verdacht aus, zugunsten der Arbeitsplatzbesitzer und zu Lasten der Arbeitslosen zu agieren. Die Arbeitgeber müssen mit dem Vorwurf leben, sie nutzten die Arbeitslosigkeit für den Kampf gegen die Gewerkschaften.

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Der Werte- und Strukturwandel stellt die herkömmlichen Formen gewerkschaftlicher Solidarität in Frage. In vielen Industrieländern, besonders in Amerika und in Großbritannien, ist die Macht der Arbeiterbewegung in sich zusammengefallen. Ist dies die unausweichliche Folge der Modernisierung? Taugt das herkömmliche Instrument der Flächentarifverträge noch im scharfen Wind der internationalen Konkurrenz? Oder ist der nationalen Tarifautonomie die Geschäftsgrundlage entzogen, weil der Preis der Arbeit nur noch auf dem Weltmarkt zu bestimmen ist?

Bei ihrem letzten Streik 1984 setzte die IG Metall den Einstieg in die 35-Stunden-Woche als Heilmittel gegen die Arbeitslosigkeit durch, was die Arbeitgeber bis heute für einen Irrweg halten. Sie bauen auf Kostensenkungen, niedrigere Einstiegslöhne, Flexibilisierung. In der jüngsten Rezession gelang es Gewerkschaften und Arbeitgebern noch mühsam, die Gegensätze zu überbrücken. Den Aufschwung hat dieser Burgfrieden nicht überlebt.

Die Tarifautonomie steckt in der Krise, aber sie ist nicht überholt. Der Nutzen, den die deutsche Wirtschaft bisher von ihren starken Gewerkschaften hatte, ist mit dem Schlagwort "sozialer Frieden" nur sehr unzureichend beschrieben. Es geht um die Berechenbarkeit der Lohnkostenentwicklung, um verläßliche Rahmenbedingungen für die Betriebe, etwa in Fragen der Berufsbildung. Und es geht schließlich auch darum, zu verhindern, daß soziale Konflikte in einen Klassenkampf umschlagen. Die Tarifautonomie ist also ein positiver Standortfaktor. Ihre Krise trifft die Gewerkschaften als Organisationen der Arbeitnehmer naturgemäß härter als ihren Gegenpart. Im gegenwärtigen Arbeitskonflikt möchte die IG Metall nicht zuletzt versuchen, sich den Streik als äußerstes Drohpotential zu erhalten und so gegenüber den Arbeitgebern wie den eigenen Mitgliedern ihre Autorität zu wahren. Dieses Motiv macht den Konflikt so unberechenbar und ärgerlich, vor allem für die Vielzahl jener kleinen Metallbetriebe, die in ihren Erträgen vom Aufschwung noch nicht profitieren konnten. Die Demonstration der Stärke ist ein Ausdruck der Schwäche, die damit zu einem Problem auch der Arbeitgeber wird.

Ein Streik ist noch keine Katastrophe für eine Wirtschaft, aber er kostet immer Geld, im Extremfall so viel, daß ein Konjunkturrückschlag droht. Hier liegt die unausweichliche Logik eines derartigen Konflikts: Sollte die IG Metall mit ihren Lohnforderungen zu "erfolgreich" sein, schadet sie letztlich sich und den Arbeitnehmern: Inflationstreibende Kostensteigerungen ziehen unweigerlich höhere Zinsen und Konjunkturrisiken nach sich. Wird die IG Metall jedoch durch einen harten Aussperrungskurs niedergerungen, fehlt den Arbeitgebern hinterher der Partner, der bei der Modernisierung der Betriebe auch unpopuläre Entscheidungen auf seiten der Arbeitnehmer mittragen kann.

Es gibt also viele gute Gründe für vernünftige Töne trotz Streiks in Bayern.

 
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