Feindbild Fernsehen

Die Stagnation der schulpädagogischen Diskussion, die auf der Interschul - Bildungsmesse Anfang Februar in Hannover - erschreckend deutlich geworden war, fand vergangene Woche auf der Düsseldorfer Didacta ihre Fortsetzung in den Diskussionen der Erzieher, Spielpädagogen, Kommunalpolitiker und sozialpädagogischen Erziehungswissenschaftler. Eine der bestbesuchten Veranstaltungen der Didacta hieß: "Chaos in den Kindertageseinrichtungen", und die Klagen der Erzieher ähnelten denen der Lehrer bis ins Detail. Offenbar macht es wenig Unterschied, ob die Kinder drei und vier oder ob sie acht und neun Jahre alt sind: Erziehung verschlägt bei der einen Altersgruppe sowenig wie bei der anderen. Reformpädagogisch begründete Spiel- oder Lernprogramme scheitern am Mangel an sozialen Verhaltensweisen, hier wie dort.

Auf den Messen herrschte ein tiefer Pessimismus oder eine anklägerische Selbstgerechtigkeit bei den Erziehungsprofis, die um so deutlicher ausgesprochen wurde, je kleiner und unauffälliger der Gesprächskreis war. Die pädagogischen Berufe befinden sich in einer Krise. Sie kommen mit sich selber sowenig zurecht wie mit den Kindern, die nach einem modischen Schlagwort "neue Kinder" sind.

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Auf beiden Bildungsmessen waren die nun schon traditionsreichen Feindbilder fix ausgemacht: Computer und Fernseher sind nach wie vor die Gegenpole zu einer ordentlichen Erziehungsarbeit. So sehen es die Lehrer, damit einer altdeutschen und zivilisationskritischen Tradition folgend. Und dieser Zwist scheint erst am Anfang zu stehen. Mit der verwirrenden Fülle immer neuer Informations- und immer komplexerer Spielmöglichkeiten kommen die Pädagogen einfach nicht zurecht, und niemand hilft ihnen dabei.

Die pädagogische Diskussion verläuft so, als ob es neue Medien und Computer gar nicht gäbe. Das Vorschulforum auf der Didacta machte deutlich, daß sich pädagogische Wissenschaft und damit auch die Erzieher und Lehrer in einer gespenstischen Weise an den "Professionalisierungsdebatten" der siebziger Jahre orientieren, man kann auch sagen: an sie klammern. Nicht ein einziges Großthema der damals progressiven Sozialpädagogik, das heute nicht wieder auftauchte: Man möge sich zum Stadtteil hin öffnen, war etwa solch ein allseits zustimmend aufgenommener Lösungsvorschlag, "Gemeinwesenarbeit" hieß das vor zwanzig Jahren und wurde als "Stadtteil-Schule" diskutiert. Die kooperierende Einbindung der Eltern, überhaupt die Verknüpfung von öffentlicher Erziehung mit Familie (oder das, was davon übriggeblieben ist) - auch das klingt jedem, der den Erziehungs- und Bildungsoptimismus der späten siebziger Jahre geteilt hat, vertraut in den Ohren.

Gesamtschullehrer Horst Hensel, der mit einem Büchlein über "neue Kinder" Medienfurore machte, kam, nach Vorschlägen gefragt, zu der Empfehlung, zwischendurch mit der ganzen Schulklasse erst mal richtig "zu atmen", mit dem Bauch nämlich und nicht mit der Brust, und versprach seinen Zuhörern davon erstaunliche Erfolge. Die glaubten ihm aufs Wort und applaudierten.

Zur Vorschulerziehung haben die humanistischen Therapien ohnehin eine innige Affinität, was mit ihrem romantisierenden Seele-Körper-Geist- Gleichklang ebenso zu tun hat wie mit Vorstellungen einer im Prinzip konfliktfreien Erzieher-Kind-Harmonie. Es ist abzusehen, daß bei der ausufernden Ratlosigkeit der Schulpädagogen dieser nicht neue, aber neu belebte Psycho-Trend nun auch in den Schulen, vorwiegend den Haupt- und Grundschulen, Einzug halten wird. Was ist das anderes als ein Hinweis auf das weitgehende Scheitern der herkömmlichen Methoden? Aber wer wird solche Hin- und Verweise aufnehmen? Die Hochschullehrer? Die Seminarleiter?

Der Bestand des für einen westeuropäischen Jugendlichen verfügbaren Wissens erneuert sich alle zwei bis drei Jahre. Das trug in Düsseldorf Wolfgang Vogelsaenger von der Niedersächsischen Landesmedienstelle vor, zugleich Mitbegründer eines Vereins, der mit Unterstützung von Wirtschaftsunternehmen Schule und Technologie zusammenbringen will. Bis auch nur Fetzen dieses Wissens durch die didaktisierenden Mühlen von der Hochschule bis zur Kultusbürokratie und zurück gelaufen, danach durch die Schulbuchverlage nebst Kommissionen getrödelt sind und zuletzt wieder Eingang in den Unterricht gefunden haben, bis dahin ist es selbstverständlich kein neues und spannendes Wissen mehr, sondern ein überholtes. Den Fachlehrer alter Prägung dürfte es eigentlich schon heute nicht mehr geben. Selbst wenn Didaktik sich endlich darauf besänne, statt Fachwissen Erkenntnismethode zu lehren, hätten sie für die Zukunft schlechte Karten - auch die Erkenntnisweisen ändern sich schneller, als Kommissionen neu zu besetzen sind.

Dort, wo neue Entwicklungen für sie interessant und bedeutsam sind, bringen sich Kinder und Jugendliche die notwendigen Kenntnisse außerhalb der Schule selber bei. Es gibt beispielsweise kaum noch einen nennenswerten Hollywood-Film, der ohne "meta"-Verständnis, also ohne Wissen um Filmschnitt, Zitate, Dramaturgie und Ökonomie, zu verstehen ist. Solche Filme und Kinobesuche sind ein wichtiger Bestandteil der Jugendkultur. Würden junge Menschen wirklich darauf warten, bis sie solche "Sozialkompetenz" in der Schule beigebracht bekämen, müßten sie sich auf eine unglückliche Jugend gefaßt machen.

Wie dies geändert werden könnte, war auf der Didacta auch zu erfahren. Ein Beispiel: Reinhard Donath, Englisch-Lehrer an der Nordseeküste, also ausgerechnet in der Provinz, wo sie am tiefsten ist, stellt in Düsseldorf eines der interessantesten Unterrichtsprojekte mit Computern vor, mit E-Mail, einer Verknüpfung von Computer und Telekommunikation. Nicht der Computer holt Simulation und Realitätsfremdheit in das Klassenzimmer, sagte Donath, sondern die herkömmliche Unterrichtsmethodik tue das. Da werden Dreizehn- oder Vierzehnjährige gezwungen, einen fiktiven Brief an einen fiktiven (englischsprachigen) Freund zu schreiben, was sie mehr oder minder lustlos tun. Das ist auch nicht anders zu erwarten. Sie tun es, weil sie es müssen, schließlich existiert der Brieffreund ja nicht. An eine nichtexistente Person kann man keinen Brief schreiben wollen (es sei denn im Zustand psychotischer Verwirrung). Was wäre also, so die naheliegende Überlegung des Pädagogen, wenn ein Lehrer die technischen Möglichkeiten nutzte, um gemeinsam mit den Schülern reale Brieffreundschaft mit realen englischsprachigen Schülern herzustellen, aber so, daß der Briefwechsel nicht jeweils Wochen in Anspruch nimmt? Donath brauchte dazu nicht mehr als einen Computer, ein Modem und einen Telephonanschluß. Im Rahmen eines E-Mail-Projektes des Goethe-Institutes in San Francisco nahmen er und seine Schüler elektronische Kontakte nach Kalifornien auf und wurden beispielsweise mit brandaktuellen Informationen über das Erdbeben in Los Angeles versorgt. Sie und ihre amerikanische Partnerklasse konnten dabei ihre Vorurteile korrigieren - sollte da einem deutschen Medienpädagogen nicht das Herz höher schlagen?

Vergleichbare Projekte wurden auf der Didacta vorgestellt, die allesamt wie Donaths kleines Modell simpel und effektiv komplexe Wirklichkeit in den Unterricht holen. Das Berliner Comenius-Projekt, das in einer komplexen Zusammenarbeit von Schule, Telekom und Wirtschaft entstanden ist und einen Schritt weiter geht, läßt die Schüler in einer virtuellen Realität ihre Lernschritte selber regulieren. Am Bildschirm können sie die Hilfe des Lehrers abrufen, wann immer sie wollen und von welchem Lehrer sie mögen - ein wenig überambitioniert, war der erste Eindruck. Man wird Auswertungen abwarten müssen. Bei Donaths bescheidenerem Lernprojekt lag eine Auswertung, besorgt von der Universität Oldenburg, bereits vor: Achtzig Prozent der Schüler und - was etwas überraschte - genauso viele der Schülerinnen sagten, daß ihnen Schule wieder "Spaß gemacht" habe. Fast alle hoben den "Wirklichkeitscharakter" hervor, und die meisten glaubten, daß am Computer "Teamarbeit" unter Schülern besser möglich sei, Vordrängeln und Lautstärke bringen nichts, wenn Aufgaben so komplex wie hier sind.

In Umrissen zeigt sich hier ein Bild vom Lehrer, der neue Funktionen übernimmt - etwa die eines organisierenden Beraters und orientierenden Begleiters im jeweiligen Fachwissen oder auch die eines Vertrauten bei sozialen und seelischen Problemen.

Die Krise der Pädagogik demonstrierte so auf beiden Messen auch die Notwendigkeit einer radikalen Neuorientierung. Die Lehrer werden um so besser bestehen, je mehr sie sich der Wirklichkeit einer veränderten Gesellschaft öffnen.

Der Autor ist Chefredakteur der "Deutschen Lehrerzeitung"

 
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