Feindbild FernsehenSeite 2/2
Dort, wo neue Entwicklungen für sie interessant und bedeutsam sind, bringen sich Kinder und Jugendliche die notwendigen Kenntnisse außerhalb der Schule selber bei. Es gibt beispielsweise kaum noch einen nennenswerten Hollywood-Film, der ohne "meta"-Verständnis, also ohne Wissen um Filmschnitt, Zitate, Dramaturgie und Ökonomie, zu verstehen ist. Solche Filme und Kinobesuche sind ein wichtiger Bestandteil der Jugendkultur. Würden junge Menschen wirklich darauf warten, bis sie solche "Sozialkompetenz" in der Schule beigebracht bekämen, müßten sie sich auf eine unglückliche Jugend gefaßt machen.
Wie dies geändert werden könnte, war auf der Didacta auch zu erfahren. Ein Beispiel: Reinhard Donath, Englisch-Lehrer an der Nordseeküste, also ausgerechnet in der Provinz, wo sie am tiefsten ist, stellt in Düsseldorf eines der interessantesten Unterrichtsprojekte mit Computern vor, mit E-Mail, einer Verknüpfung von Computer und Telekommunikation. Nicht der Computer holt Simulation und Realitätsfremdheit in das Klassenzimmer, sagte Donath, sondern die herkömmliche Unterrichtsmethodik tue das. Da werden Dreizehn- oder Vierzehnjährige gezwungen, einen fiktiven Brief an einen fiktiven (englischsprachigen) Freund zu schreiben, was sie mehr oder minder lustlos tun. Das ist auch nicht anders zu erwarten. Sie tun es, weil sie es müssen, schließlich existiert der Brieffreund ja nicht. An eine nichtexistente Person kann man keinen Brief schreiben wollen (es sei denn im Zustand psychotischer Verwirrung). Was wäre also, so die naheliegende Überlegung des Pädagogen, wenn ein Lehrer die technischen Möglichkeiten nutzte, um gemeinsam mit den Schülern reale Brieffreundschaft mit realen englischsprachigen Schülern herzustellen, aber so, daß der Briefwechsel nicht jeweils Wochen in Anspruch nimmt? Donath brauchte dazu nicht mehr als einen Computer, ein Modem und einen Telephonanschluß. Im Rahmen eines E-Mail-Projektes des Goethe-Institutes in San Francisco nahmen er und seine Schüler elektronische Kontakte nach Kalifornien auf und wurden beispielsweise mit brandaktuellen Informationen über das Erdbeben in Los Angeles versorgt. Sie und ihre amerikanische Partnerklasse konnten dabei ihre Vorurteile korrigieren - sollte da einem deutschen Medienpädagogen nicht das Herz höher schlagen?
Vergleichbare Projekte wurden auf der Didacta vorgestellt, die allesamt wie Donaths kleines Modell simpel und effektiv komplexe Wirklichkeit in den Unterricht holen. Das Berliner Comenius-Projekt, das in einer komplexen Zusammenarbeit von Schule, Telekom und Wirtschaft entstanden ist und einen Schritt weiter geht, läßt die Schüler in einer virtuellen Realität ihre Lernschritte selber regulieren. Am Bildschirm können sie die Hilfe des Lehrers abrufen, wann immer sie wollen und von welchem Lehrer sie mögen - ein wenig überambitioniert, war der erste Eindruck. Man wird Auswertungen abwarten müssen. Bei Donaths bescheidenerem Lernprojekt lag eine Auswertung, besorgt von der Universität Oldenburg, bereits vor: Achtzig Prozent der Schüler und - was etwas überraschte - genauso viele der Schülerinnen sagten, daß ihnen Schule wieder "Spaß gemacht" habe. Fast alle hoben den "Wirklichkeitscharakter" hervor, und die meisten glaubten, daß am Computer "Teamarbeit" unter Schülern besser möglich sei, Vordrängeln und Lautstärke bringen nichts, wenn Aufgaben so komplex wie hier sind.
In Umrissen zeigt sich hier ein Bild vom Lehrer, der neue Funktionen übernimmt - etwa die eines organisierenden Beraters und orientierenden Begleiters im jeweiligen Fachwissen oder auch die eines Vertrauten bei sozialen und seelischen Problemen.
Die Krise der Pädagogik demonstrierte so auf beiden Messen auch die Notwendigkeit einer radikalen Neuorientierung. Die Lehrer werden um so besser bestehen, je mehr sie sich der Wirklichkeit einer veränderten Gesellschaft öffnen.
Der Autor ist Chefredakteur der "Deutschen Lehrerzeitung"
- Datum 03.03.1995 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10/1995
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