I.

Ein Alpinist, im freien Fall seinem Ende zustürzend, sieht geschwind noch sein ganzes Leben vorüberziehen: ein solcher Alpinist ist die Menschheit, oder doch ihr westlicher Teil. Auf so radikal verkürzte Art üben wir Vergangenheitsbewältigung, final und verkehrt: die Vergangenheit bewältigt uns; das ist ja der Grund, warum wir stürzen.

Und welche Träume bewältigen uns im Höllensturz? Auf dem Berge über Theben sitzt die Sphinx und fragt uns was. Wir wissen keine Antwort. Da schlägt sie ihre gepflegten Krallen in unser freudig zuckendes Sado-Maso-Herz. Als ob der freie Fall nicht genügte, werden wir noch rasch zerfleischt. Gerade noch Zeit für einen ZEIT-Essay.

II.

"Das ist häßlich, das ist schön": Aber Spießbürger gelangen nicht ins Himmelreich der Häßlichkeit. Häßlichkeit ist eine Herrin aus eigener Herrlichkeit. Sie verbittet sich jede Messung an der Schönheits-Latte.

Häßlichkeit, ungepaart mit Schönheit: Bestie, die mich anspringt, o schönes Biest Häßlichkeit, du bist mein Abenteuer. Häßlichkeit, unbegleitet, allein und dennoch fortpflanzungstüchtig: das ist die Heldin jener ungeschriebenen "modernen" Ästhetik des Häßlichen, die zu schreiben mich reizte, umhüpft von den schönen Menschen der Werbung, all den miesen Missen und Misters, schlank, gebräunt, glücklich, die mir Kaffee und Waschpulver andrehen rund um die Uhr.

Schönheit ist häßlich, Häßlichkeit ist schön. Das ist auch schon die Inhaltsangabe meiner geplanten Ästhetik des Häßlichen, so daß ich mich frage: Warum soll ich ein so ausführliches Unternehmen ernsthaft angehen, es ist eh alles klar wie Kaffee und Waschpulver: Ohne Sieg der Häßlichkeit ist der Sieg der Industriegesellschaft nicht möglich. Auf also, setzen wir die Häßlichkeit durch! Wer Schönheit will, ist reaktionär. Das reicht.