Die Welt wird zum Casino

Die bösen Buben sind schnell ausgemacht, wenn im täglichen Billionengeschäft rund um den Globus Wechselkurse stürzen, wenn Währungsturbulenzen Regierungen, Zentralbanken, den internationalen Handel erschüttern und ernste Gefahren für die Weltwirtschaft heraufbeschwören: Es sind, so heißt es, die skrupellosen Spekulanten, die durch ihr sekundenschnelles Agieren mit gewaltigen Summen den Dollar auf einen neuen Tiefststand drücken und die kräftige Aufwertung begehrter Währun gen - vor allem der Deutschen Mark - provozieren. Doch ist die jüngste Währungskrise wirklich nur ausgelöst worden, weil die Devisenmärkte "einem Spielkasino" gleichen, wie Jacques Delors, der frühere Präsident der Europäischen Kommission, meint?

Im Ernst wird niemand behaupten, die Devisenhändler analysierten nur nüchtern die volkswirtschaftlichen Grunddaten, um sodann die ökonomisch "richtigen" Gleichgewichtskurse zu ermitteln. Gerade in Krisen kommt es zum overshooting, zum Übers-Ziel-Schießen der Kursbewegungen, weil dann alle Beteiligten dem Herdentrieb folgen und in dieselbe Richtung ziehen. Aber selbst wenn die Devisenhändler, wenn die Spekulanten alles tun, um von den Kursausschlägen zu profitieren, wäre es falsch, sie als Urheber der Krise zu brandmarken. Die eigentliche Ursache auch höchst dramatischer Auf- und Abwertungen sind stets fiskalische und wirtschaftspolitische Bewegungen sowie innen- oder außenpolitische Entwicklungen - im guten wie im schlechten. Die Politiker sind nicht Opfer, sondern Täter. Auf den inzwischen grenzenlosen Geld- und Kapitalmärkten folgt die Strafe für Fehlverhalten auf dem Fuße, schneller und härter als je zuvor.

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Auch die jüngste Krise ist ein Beleg dafür: Der amerikanische Dollar stürzte, im Vergleich zu den harten Währungen Mark und Yen, in den Abgrund, weil sich Washington im Engagement für Mexiko vergaloppiert hat und weil es seine gewaltige Staatsverschuldung nicht in den Griff bekommt; das britische Pfund sackte weniger wegen der Barings-Pleite, sondern vielmehr vor allem wegen der politischen Probleme der konservativen Regierung in neue Rekordtiefen; Spanien bekam mit der Abwertung der Peseta die Quittung für Korruptionsaffären und mangelnde finanzpolitische Solidität; der Fall der italienischen Lira ins Bodenlose ist die Folge politischer Instabilität, denn offensichtlich traut der amtierenden Regierung niemand die Lösung der Wirtschaftsprobleme zu; und der französische Franc geriet wegen der Unsicherheiten über den Ausgang der Präsidentschaftswahlen unter Druck.

Für die Deutschen mag es überraschend sein, daß gerade die Bundesrepublik - neben Japan - vom internationalen Geldhandel als "sicherer Hafen" auserkoren wird. Schließlich stöhnen auch hierzulande die Bürger über Rekordschulden des Staates und eine Steuerlast in bisher nicht gekanntem Ausmaß. Doch angesichts der weltweiten Misere schneidet die Bundesrepublik immer noch relativ günstig ab. Auch für Devisenhändler ist der Einäugige unter den Blinden König.

Je mehr aber die Mark zur Reservewährung wird, desto empfindlicher werden die deutsche Wirtschaft und Politik von internationalen Entwicklungen abhängig. Zugleich wächst damit der Bundesbank wie der Bundesregierung eine zusätzliche Verantwortung zu. Diese Bürde kann die Bundesrepublik schnell überfordern - ökonomisch, aber auch außenpolitisch. Schon früher haben die Partner über Deutschlands wirtschaftliche Dominanz geklagt.

Deshalb wäre es ein gefährlicher Fehlschluß, wenn die jüngste Währungskrise zum Anlaß genommen würde, die längst beschlossenen Pläne zur Europäischen Währungsunion zu begraben. Das Gegenteil ist richtig: Eine enge Abstimmung, eine strikte Verpflichtung auf eine solide Finanzpolitik, wie sie im Vertrag von Maastricht vereinbart ist, und eine gemeinsame europäische Währung sind immer noch die beste Vorkehrung gegen politische Spannungen zwischen der Bundesrepublik und ihren Nachbarn. Und nur in einem - sorgfältig vorbereiteten - Währungsverbund können derartige Währungskrisen vermieden werden.

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