"Vater, wo warst du?" hat einer ins Besucherbuch geschrieben. Diese Frage werden sich manche Deutsche, die heute zwischen 40 und 65 Jahre alt sind, mit Blick auf die Nazizeit schon oft gestellt haben, und sie drängt sich wieder auf angesichts der Ausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944", die das Hamburger Institut für Sozialforschung im Kulturzentrum Kampnagel zeigt. Es ist von allen Veranstaltungen in diesem Gedenkjahr vielleicht die bedeutendste, gewiß aber die grausigste und verstörendste.

Es ist ein schrecklicher Gedanke, da könnte einem plötzlich beim Blick in dieses Verbrechensalbum - und von allen Wänden, aus allen Ecken schreit es MORD! - der eigene Vater oder Großvater begegnen. Viele der ausgestellten Photos, zumeist Schnappschüsse von Landsern, stammen aus Archiven der ehemaligen Sowjetunion - die Wende von 1989 machte es möglich. In den Ostarchiven entdeckte Hannes Heer, der zusammen mit deutschen und österreichischen Historikern das Projekt vorbereitet hat, auch die Briefe und Erlebnisberichte gefallener oder gefangener deutscher Soldaten. Da zerrinnt die Legende von der "sauberen Wehrmacht", die, fern von allen Naziverbrechen, nur tapfer und treu das Vaterland verteidigt hat, und aufgehoben ist der Freispruch für Millionen Soldaten, die nichts gewußt, nichts gesehen, nichts gehört haben wollten. Statt dessen wird die fürchterliche Wahrheit offenbar, die zwar Fachleuten und einem zeithistorisch interessierten Leser- und Fernsehpublikum schon länger bekannt war, sich jedoch gegen eine Mauer einverständlichen Schweigens in der deutschen Öffentlichkeit nie durchsetzen konnte.

Ehe die Bundeswehr gegründet wurde, hat Kanzler Adenauer - man kann es in der Hamburger Ausstellung nachlesen - eine Ehrenerklärung für die Wehrmacht abgegeben: Der Prozentsatz der wirklich Schuldigen sei außerordentlich klein. Heute kann man sich kaum noch in die Stimmung jener Tage hineinversetzen. Darum werden die Besucher schon am Eingang durch Filmplakate, Titelseiten von Illustrierten und Büchern an das Geschichtsbild der fünfziger und sechziger Jahre erinnert: "Getreu bis in den Tod", "Wir standen schon vor Moskau", "So war der deutsche Landser", "Wie der deutsche Soldat Rußland sah" - lauter fesselnde Geschichten vom heroischen Opfergang der Wehrmacht, eine Tradition, die dann in ungezählten "Landserheften" fortgesetzt wurde.

Zwar haben in den letzten beiden Jahrzehnten deutsche Zeithistoriker viel Schreckliches ans Licht gebracht, doch der Kreis um Hannes Heer forschte weiter. Wo jene von Vernichtungskrieg sprechen, überschreiten die Ausstellungsmacher bewußt eine Grenze, an der einige Militärhistoriker haltzumachen pflegen: Hier wird der Begriff "Holocaust" in die Kriegsgeschichte eingeführt.

In der Regel denken die Menschen dabei an Auschwitz und andere Vernichtungslager. Aber die Einsatzgruppen der SS, die Polizeibataillone, die baltischen und ukrainischen Hilfstrupps und eben auch Einheiten der Wehrmacht betreiben bereits im Sommer und Herbst 1941, noch ehe die Krematorien in Auschwitz rauchen, massiven Judenmord. Wehrmacht und Holocaust - das durfte bislang nicht zusammengehören. Nach dieser Ausstellung ist eine solche Trennung nicht mehr möglich.

Wie oft konnte und kann man von ehemaligen Ostfrontkämpfern hören, sie hätten nie etwas von Verbrechen "hinter der Front" erfahren. Fragte man sie dann nach dem Partisanenkrieg, hieß es sogleich: "Ja, das war etwas ganz anderes!" Nun erst wird das gigantische Täuschungsmanöver entlarvt, bei dem Hunderttausende von Ostfront-, Balkan- und Italienkriegern mitgespielt haben, zur Beschwichtigung des eigenen Gewissens und in der Abwehr alliierter Kollektivschuld- Anklagen.

"Partisan" war nur zu oft ein Synonym für Jude, besonders im ersten Jahr des Rußlandfeldzuges, als es einen Partisanenaufstand lediglich in der stalinistischen Propaganda gab. Auf Lehrgängen der Wehrmacht wurde den Landsern bereits Ende September 1941 die Parole eingetrichtert: "Wo der Partisan ist, ist der Jude, und wo der Jude ist, ist der Partisan."

Kurz darauf meldet das Infanterie-Regiment 691, man habe in Golowtschin neunzehn Juden füsiliert, nachdem zuvor eine Wehrmachtstreife "vermutlich" von einem Juden angeschossen worden sei. Die Erfolgsmeldungen der Truppe sind verräterisch. Im rückwärtigen Heeresgebiet der Heeresgruppe Mitte sollen 1941 insgesamt 80 000 "Partisanen" getötet worden sein, bei nur 3000 Mann eigenen Verlusten.