Religion Der unbekannte Islam

Eine Beschreibung der alevitischen Glaubensrichtung

Die jüngsten gewalttätigen Ausschreitungen in Istanbul haben die Aufmerksamkeit der Medien auf eine Glaubensgemeinschaft gelenkt, die hierzulande so gut wie unbekannt ist: die Aleviten. Dabei leben auch in Deutschland bis zu 200 000 Mitglieder dieser zum Spektrum islamischer Religiosität zu rechnenden Konfession. In der Türkei macht ihre Zahl zwischen einem Viertel und einem Drittel der Gesamtbevölkerung aus.

In den Berichten der vergangenen Tage wurden die Aleviten häufig als "weltlich orientiert" vorgestellt. Doch diese Charakterisierung greift zu kurz und läßt Wesentliches außer acht. Im Mittelpunkt der alevitischen Glaubenslehre stehen nämlich jene spirituellen Wahrheiten, die auch für den Sufismus, die sogenannte islamische Mystik, kennzeichnend sind. Zentral für den Glauben und die Lebenspraxis der Aleviten ist dabei die Theorie vom "vollkommenen Menschen". Die Welt der materiellen Schöpfung mit ihren anorganischen, pflanzlichen, tierischen und menschlichen Seinsformen ist nach alevitischer Auffassung eine Entäußerung und Vergegenständlichung Gottes. Der vollkommene Mensch verkörpert den höchstmöglichen Entfaltungsgrad des Bewußtseins in der Schöpfung. Da die gesamte Schöpfung letztlich auf den vollkommenen Menschen zielt, stellt das Streben nach Selbstvervollkommnung für Aleviten die höchste Form des Gottesdienstes dar. Da dies Widerstand gegen jegliche soziale Rahmenbedingungen menschlicher Existenz einschließt, die diesen Entfaltungsprozeß behindern, ist für die Anhänger des Alevismus eine große Offenheit gegenüber liberalen, linken und emanzipatorischen politischen Bewegungen charakteristisch.

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Die Unterordnung menschlicher Existenz unter vorgegebene starre Gesellschaftsmodelle, wie sie zum Beispiel auch die Islamisten in der Türkei propagieren, widerspricht alevitischer Lebenspraxis. Darüber hinaus sind sie den sogenannten strenggläubigen Moslems verdächtig, weil sie nicht das fünfmalige tägliche Ritualgebet verrichten, das Fasten im Monat Ramadan nicht einhalten und die Pilgerfahrt nach Mekka nicht für verbindlich erachten. Außerdem lehnen sie die "islamische" Verhüllung der Frauen ebenso ab wie die Trennung der Geschlechter.

Für die türkischen Islamisten stellt die bloße Existenz einer solchen Glaubensgemeinschaft ein Hindernis dar, ihre Vorstellung von der Scharia, der islamischen Rechtsordnung, durchzusetzen. Es ist deshalb kein Zufall, daß gerade die Aleviten zunehmend zu Opfern des islamistischen Terrors geworden sind. Die Straßenkämpfe in Istanbul zeigen allerdings auch: Die Aleviten sind nicht bereit, die Unterdrückung durch die Islamisten und deren Tolerierung durch die Behörden der türkischen Regierung zu akzeptieren.

* Bernhard Priesmeier, ehemaliger Generalsekretär der Deutschen Sektion des Islamischen Weltkongresses, ist freier Journalist und Dozent in der Erwachsenenbildung.

 
Leser-Kommentare
  1. Die  Definition für Aleviten finde ich zutreffend richtig ,leider zuwenig.Ich persönlich bin in kurdischalevitischem Gesellschaft in der Ost Türkei geboren und aufgewachsen .Der Islam war uns unbekannt.Es gibt feste Ansätze für den Islam oder man nennt sie fünf Säulen der Islam.Kein Mensch hat sich für die interessiert.Wir hatten auf dem Dorf kein Mosche und niemand hatte zuhause einen Koran gehabt.Der Titel könnte heissen :"Der unbekannte Glaubensgemeinschaft unter dem Islam"ALEVITEN-alevitismusWeil die Aleviten in der Türkei von Islamisten immer unterdrückt werden,aus dem grund daß Aleviten eine Islamisierung ablehnen..freundlichem Gruß

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  • Quelle DIE ZEIT, 12/1995
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  • Schlagworte Religion | Islam | Medien | Mekka | Türkei | Scharia | Ramadan | Pilgerfahrt | Istanbul
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