Liebe Julia, Du mußt es wissen

1. Der Pferdetrog

In Verona steht ein Pferdetrog, in dem zum Zeitpunkt meiner Visite eine verwelkte rote Rose lag, aber auch frische Gladiolen in Zellophan sowie ein Pflänzchen mit Würzelchen dran. Der Trog ist aus Stein, Speckstein, glaube ich. In der Zeit vor den napoleonischen Kriegen trug man ihn den Rössern von den Mäulern weg hier hinunter in die Gruft und erklärte ihn zum Grab.

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Der Rand des Trogs ist narbig, kerbig, denn es kamen bald nach seiner Grabwerdung Unteroffiziere, vielleicht auch Mannschaftsgrade der napoleonischen Armee hier hinunter, und mit ihren Bajonetten hauten sie kleine Stücke aus dem Stein, um diese Stücklein später als Kette einer Frau um den Hals zu legen. Man erhoffte sich von diesen Preziosen Steigerung der Leidenschaft, Entfachung des Feuers, Küsse und baldigen Geschlechtsverkehr.

Im Gewölbe, wo der Trog steht, gefüllt, wie gesagt, mit frischen Gladiolen, ist es sehr kalt, im Februar sowieso, und ein eigenartiger Wind - man wundert sich, woher er kommt - fährt einem unters Hemd. In einer Mauernische, die zierlich von einem romanischen Säulchen gestützt wird, liegt übrigens ein Haufen, es ist Papier, es sind Zettel. Man nimmt sie ungern in die Finger, denn es liegt Staub auf den obersten, und man ahnt, daß sie leicht feucht und kühl sind. Tatsächlich ist es so. Das Gruftklima hat sie durchweicht, aber es stehen Dinge auf diesen Zettelchen, die man unbedingt lesen will.

Ti amo finché la morte zum Beispiel. Das ist nicht schlecht, das trifft die Stimmung hier unten, die Liebesaffäre von Liebe und Tod. Hier, in diesem Gewölbe, soll es gewesen sein, behaupten die Stadtväter von Verona. Hier soll Julia Capulet gelegen haben in todesähnlichem Schlaf, in den hinein sie Kräuter des Fra Lorenzo versetzt hatten, derselbe Fra, der sie und Romeo vor kurzem heimlich getraut hatte. Und hier soll Romeo mit einem in der Verbannung in Mantua gekauften Apothekersgift sich vom Leben zum Tod gebracht haben, eben weil er seine Julia vermeintlich tot antraf. Nun soll Julia im Pferdetrog erwacht sein - sieht den toten Geliebten, nimmt, weil sie ohne ihn nicht leben kann, dessen Dolch und treibt ihn sich ins Herz, ist tot, vollendet tot, und wird von Herbeieilenden gleich zurückgelegt in den Pferdetrog, der also ihr Grab ist, die Tomba di Giulietta unterhalb der Casa di Giulietta in Verona, Citta d'amore, which means City of Love, wie ich in einem Prospekt gelesen habe.

Vollendet tot ist Julia, hinübergegangen in die Unsterblichkeit, und führt nun ein Leben im Schattenreich, seit fünfhundert Jahren mit Erfolg. Mein Gott, es ist Winter, neblig, Verona durchnäßt, nur deshalb liegen nicht mehr Blumen im Trog. Sommers aber, wenn die Touristenschwärme südwärts ziehen, wird er zuweilen voll, manch eine Rose soll schon übergeschwappt sein auf den bloßen Gruftboden. Sommers wird es mit den Zetteln hinter dem romanischen Säulchen ganz schlimm. And in Juilette's tomb I ask, do you love me? fragen die Joes aus den USA, und die Yang Yan Pings aus Wuhan, China, schreiben ihre Rätselzeichen auf Visitenkarten, und jede Woche muß der Zettelberg abgetragen werden von Herrn Giulio Tamassia und seinen Gehilfinnen vom Club di Giulietta.

Sommers kommen die Hunderttausend aus allen Flugrichtungen zur Casa und zur Tomba di Giulietta, um den Trog zu berühren, vor allem aber die Bronzestatue, die draußen vor der Tomba steht, die Statue der Julia. Ein Glaube, von dem niemand weiß, wie er entstanden ist (auch die vom Club di Giulietta nicht, die sonst alles über den Kult wissen), verheißt allen, die von Liebe voll sind, Glück, wenn sie die linke Brust oder/und den linken Arm der Statue berühren. Folglich glänzen diese Teile wie poliert, während der Statuenrest zunehmend dunkler wird an der Luft mit ihrem Sauerstoff. Aber genügt die Berührung, ist das Glück dann schon gepreßt? Nein, mit Sackmessern, mit Schraubenziehern ritzen, meißeln die Liebenden aus Cartagena, Kolumbien, Manitoba, Kanada, endlich auch Basel, Schweiz, Schwüre, Klagen, Frohlockwörter in die Mauern sogar des Ballsaals der Casa di Giulietta. Ich schwöre, die Wände sind dermaßen vollgeschrieben, durchzeichnet mit Namen, Herzchen, Liebesdaten, daß ich eine Leiter gebraucht hätte, um für die von mir geliebte L. und mich ein freies Plätzchen zu finden. In diesem Fall hätte mich aber Signor Tamassia bestimmt von der Leiter heruntergezupft, denn die gesamthaft monströsen Wandkritzeleien schätzt er wenig und gehört zum Lager jener Veronesen, die die Wände überstreichen möchten, gegen den erbitterten Widerstand des zahlenmäßig noch überlegenen anderen Lagers.

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