Wer hat in Deutschland die ersten Graffiti gesprüht? Viel spricht dafür, daß es der Hamburger Peter-Ernst Eiffe war - im wilden Mai 1968. Ein Film erinnert an ihn

von Peter Schuett

Damals, im kurzen Sommer der Anarchie, kam in Hamburg niemand an ihm vorbei. "Eiffe der Bär" hinterließ überall seine Spuren, über der Erde und öfter noch unter der Erde, in U-Bahnhöfen, Unterführungen und Bedürfnisanstalten.

Tag und Nacht war der abgebrochene Student Peter-Ernst Eiffe, Hofnarr der Untergrundbewegung, im legendären Mai 1968 in Hamburg unterwegs. Auf Parteiplakaten, Anschlagtafeln, Verkehrsschildern, Briefkästen, Bauzäunen, Häuserwänden, auf und in U- und S-Bahnen schrieb er in Windeseile seine meistens spontanen Anarcho- und Nonsense-Sprüche und verschwand, ehe die Polizei ihn erwischte - bis zu jenem Mittag des letzten Freitags im Mai 1968.

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Eiffe fuhr mit seinem Fiat Topolino, beschriftet: "freie Eiffe-Republik", mitten in die Wandelhalle des Hauptbahnhofs, stieg aus und begann, die Kacheln mit "magischen Dreiecken" zu verzieren: "Rockefeller - Mao - Eiffe". Die Staatsgewalt schlug zu. Peter-Ernst Eiffe, der "Magier mit der Flammenschrift", wurde in Handschellen auf die Revierwache gebracht und am Abend, begleitet von den Photoreportern der Boulevardpresse, in die Psychiatrische Klinik Hamburg-Ochsenzoll.

In der Klinik habe ich "den Genossen Eiffe" ein paarmal besucht. Unter dem Einfluß der Beruhigungsmittel war seine Schreibwut gedämpft. Er klagte über Müdigkeit. Dennoch konnte er Uwe Wandrey und mir aus dem Gedächtnis eine Sammlung seiner Wandsprüche zusammenstellen, die wir unter dem Titel "Eiffe for President - Frühling in Europa" im hauseigenen Quer-Verlag herausbrachten. 3000 Exemplare waren sofort vergriffen. Das Honorar von 500 Mark konnten wir Eiffe just an jenem Tag Anfang November 1968 in die Hand drücken, an dem er aus dem Ochsenzoller Krankenhaus entlassen wurde.

Eiffe wollte damals "weg von Hamburg". Er fand eine Anstellung bei einer Werbeagentur in Düsseldorf. Er verfaßte dort plattdeutsche Werbetexte für die Tütensuppen der Firma Maggi, bis er 1970 an einer Depression erkrankte. Danach hat er dreizehn Jahre lang in einer geschlossenen Anstalt im holsteinischen Rickling gelebt. Seine Wandinschriften hat er auch dort hinterlassen. Über Weihnachten 1983 ist er während eines Schneesturms verschwunden. Acht Wochen später wurde seine Leiche gefunden, in einer Grabensenke. Er war erfroren.

Über ein Vierteljahrhundert war Eiffe in Hamburg vergessen. Die bekannte Straße, die in der Hansestadt seinen Namen trägt, wurde nach seinem Großvater, einem Stadt- und Hafenbaumeister, benannt. Doch jetzt haben die Filmemacher Christian Bau und Artur Dieckhoff - unterstützt von der Hamburger Filmförderung - mit Filmaufnahmen aus dem Jahre 1968 und Interviews mit Zeitzeugen Eiffes einen Dokumentarfilm gedreht, der im Mai in die Kinos kommt: "Eiffe for president - alle Ampeln auf gelb!"

Ich kannte Peter-Ernst Eiffe flüchtig von den Veranstaltungen der Hamburger "Kellerliteraten", er ließ keine Lesung von Hubert Fichte, Klaus-Rainer Röhl oder Peter Rühmkorf aus. Aber Eiffe war ein scheuer Mensch, es dauerte Jahre, bis ich zum ersten Mal mit ihm ins Gespräch kam. Das war im Anschluß an die studentische Vollversammlung, die der Sprengung der Rektoratsfeier am 9. November 1967 folgte. Ich war am Vorabend festgenommen worden, weil ich mit Pinsel und Farbeimer versucht hatte, am Bauzaun der Universität eine Losung anzubringen: "Ehrlicher" - so hieß der umstrittene Rektor - "wird immer entbehrlicher". Zwei Zivilfahnder hatten mir das Handwerkszeug aus der Hand genommen und mich zur Wache gebracht. Eiffe kam auf mich zu und begann, auf mich einzureden: "Das müßt ihr anders machen! Eimer und Pinsel sind Schnee von gestern! Ich habe die modernen Waffen der Kulturrevolution . . ." Und er öffnete seine Aktentasche und zeigte mir - eine Spraydose und etliche Filzstifte. Technische Neuheiten!

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  • Schlagworte Film | Peter Rühmkorf | Fritz Teufel | Hubert Fichte | Graffiti | Hamburg
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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