Alles zammgfressa
Das Reh frißt nicht, das Reh "äst". So will es die Sprache des Waidmanns. Auch Hirsch und Gams äsen; Wildsau und Fuchs hingegen "fressen". Weil alle immer weniger Rehe sehen, glauben sie, es gäbe bald keine mehr.
Einer, der ein Lied singen kann vom großen Hunger unzähliger Rehe in seinem Schutzwald, ist Georg Hinterstoißer. Es klingt wie ein Stück aus vergangenen Zeiten. Doch das Drama spielt sich im Bergwald und auf den Bühnen bundesdeutscher Gerichte ab.
"Ach der", winken die Jäger in Bayern gleich ab, wenn vom Hinterstoißer Georg die Rede ist. "Das ist ein ganz spezieller Fall", sagt Jürgen Vocke, der Präsident des Bayerischen Landesjagdverbandes. Andere, solche ohne Mandat, sagen unumwunden, der sei nicht ganz bei Trost. Der bayerische Landwirtschafts- und Forstminister Reinhold Bocklet beißt sich lieber die Zunge ab, als daß er den Namen Hinterstoißer in den Mund nimmt: "Ich wünsche mir viele, die so beherzt für die Sache Wald eintreten, wobei ich über die Frage, mit welchen Methoden dies geschieht, natürlich im Einzelfall streiten kann."
Georg Hinterstoißer vom Schneewinklhof in Aufham, ein paar Kilometer vor der Grenze in Richtung Salzburg, tritt derart "beherzt für die Sache Wald" ein, daß sich der Freistaat Bayern und die Jägerschaft schon seit zehn Jahren mit ihm im Unterholz der Paragraphen verbissen haben. Höhepunkt ist der Termin vor dem Bundesverwaltungsgericht in Berlin am 30. März. Es geht um den Kern des Jagdrechts, in dem die Jäger seit den Zeiten feudaler Herrschaft fast alles und die einzelnen Waldbesitzer fast nichts zu sagen haben.
"Alles zammgfressa", resümiert Hinterstoißer die Situation in seinem Schutzwald verbittert. Kein Bergahorn und keine Tanne, keine Ulme und keine Vogelbeere wird auf seinen 33 Hektar größer als ein Bonsai. "Ich kann ja auch auf meiner Viehweide, wenn ich Milchkühe halt' und für zwanzig Kühe Futter hab', auch nicht fünfzig Kühe herfuttern. Da verwüste ich ja alles selber. Da mache ich ja mein Eigentum kaputt."
So klar ist das. Rehe fressen junge Triebspitzen der Tanne und Knospen der Laubhölzer, die als Grundnahrungsmittel wertvolles Eiweiß enthalten. Viele Rehe fressen viel, drei bis fünf Kilogramm Grünmasse pro Kopf am Tag.
Auf diese Weise entstehen Monokulturen. Nadelwälder, in denen nur die Fichten übrigbleiben. Tanne und Ahorn sind aber die wichtigsten Bäume im Bergwald, weil sie mit ihren tief eindringenden Wurzeln den Boden festhalten und den Berg stabilisieren. Fehlen sie, putzt "Wibke" oder eine ihrer Schwestern die flachwurzelnden Fichtenstangen von den Bergflanken. Als nächstes kommt dann der Berg herunter und mit ihm Geröll und Wasser. Im Schutzwald geht es nicht um die Holznutzung, sondern um eine Barriere gegen Muren, Steinschlag, Lawinen und Wassermassen.
Wie viele Jungbäume werden "verbissen"? Alle drei Jahre prüfen Gutachter im Staatsforst den Zustand der Vegetation. Ihre Zahlen dienen als Grundlage für die Abschußpläne in den Revieren. Fast nirgendwo können die Hauptbaumarten ohne Schutz aufwachsen.
Für neue Wildschutzzäune und ihre Unterhaltung gab der Freistaat Bayern bisher 27 Millionen Mark im Jahr aus. 8000 Kilometer Zäune wurden noch 1991 gebaut, eine Strecke von München bis Peking. Mit raffinierter Technik versuchen Forstleute zu retten, was sich am Berg oben noch halten läßt. Weiden, Hecken und tiefwurzelnde Gehölze werden gepflanzt, und wenn das nicht mehr hilft, müssen Stahl- und Betonkorsetts die Berge daran hindern, herunterzukommen.
Keine zehn Kilometer Luftlinie von Hinterstoißers Hof werden unter der Weißwand zum Schutz der Deutschen Alpenstraße derzeit 55 Millionen Mark verbaut, auf einer Fläche von 170 Hektar. Für den sanierungsbedürftigen Schutzwald (12 000 Hektar) müssen in Bayern in den nächsten zwanzig Jahren über 800 Millionen Mark ausgegeben werden. Sollte es nicht gelingen, mit Hilfe von Holz, Stahl und Beton die dort gepflanzten Bäume hochzubringen, "müssen einfache Bauwerke durch permanente ersetzt und zusätzliche Flächen verbaut werden. Die Bausumme wird sich dann etwa verdoppeln", sagt Hans Geiger vom Wasserwirtschaftsamt Traunstein. Macht 110 Millionen Mark allein an der Weißwand.
Der ehemalige Forstamtsleiter Georg Meister hat im Reichenhaller Staatsforst konsequent das Ziel "Wald vor Wild" umgesetzt. Zwanzig Jahre lang wurde er von privaten und staatlichen Trophäenjägern angefeindet und hat dabei erfolgreich einen artenreichen Bergmischwald in die Höhe gebracht, indem er konsequent das Schalenwild bejagte. "Seit 1983 höre ich jedes Jahr auf der Trophäenschau, in Reichenhall ist das Wild total ausgerottet. Und wir schießen jedes Jahr mehr."
Der unbequeme Waldmeister, von Horst Stern einmal als "der mutigste Förster der Nation" bezeichnet, hinterläßt wie zum Beweis genau den Wald, den alle wollen. Unter dem Schirm alter Bäume recken sich die Tiefwurzler Tanne und Eberesche, Ulme und Bergahorn in die Höhe. "Das kostet keinen Pfennig für die Verjüngung, es kostet im Prinzip auch nichts für die Pflege, und wir ernten dicke Bäume. Das regelt alles die Natur von selbst. Dies ist der einzige Weg, wie wir im Hochgebirge auch noch wirtschaftlich arbeiten können. Das Gegenstück ist ein Wald ohne Unterbau, in dem starke Trophäen gezüchtet werden, in dem die Baumknospen umgewandelt werden in einige Kilogramm Horn, das dann an den Wänden irgendwo hängt. Privatisierung des Vergnügens, Sozialisierung der Kosten."
Die meisten Waldbesitzer sind zwangsweise Mitglied in Jagdgenossenschaften. Jagdpächter und -vorstand beantragen bei der Unteren Jagdbehörde, wieviel Wild geschossen werden soll. Die genaue Zahl wird von der Behörde für jeweils drei Jahre festgelegt.
Daß der Rehwildbestand in Bayern alles andere als gefährdet ist, dokumentiert derzeit eine Ausstellung im Deutschen Jagdmuseum in München. Der Besucher lernt, daß die Lebensräume des Wildes zwar täglich schrumpfen, die Rehwildstrecken mit 230 000 Stück im Jahr aber trotzdem doppelt so hoch sind wie vor dem Krieg. Wie viele Rehe es in Bayern tatsächlich gibt, weiß niemand, weil die Tiere nicht zum Zählappell antreten. Geschätzt wird: eine halbe Million. Es könnten aber auch doppelt so viele oder noch mehr sein, wie das Ministerium einräumt. Die Abschüsse könnten also genauso gut auch doppelt so hoch sein.
Nach Georg Hinterstoißer dürfen einfach so viele Rehe dasein, "daß 's paßt, daß 's Wild was hat und daß der Wald wachst". Die Jäger hören bei dieser Forderung sofort die Aufforderung, gleich alles auszurotten. Beistand finden sie bei allen Bambi-Freunden, und das sind nicht wenige. Als hätte er längst alle Hoffnung fahrenlassen, sagt Minister Bocklet: "Die Wälder können sich nur selbst verjüngen, wenn die Jäger mitmachen." Niemand rügt, daß die Abschußpläne vielerorts nicht erfüllt werden. Im Bayerischen Jagdgesetz steht: "Mit bis zu 10 000 Mark Geldbuße kann belegt werden, wer den Abschußplan nicht erfüllt." In der Praxis wird das oft damit entschuldigt, daß "nicht genügend Wild da war".
So kommt Hinterstoißer buchstäblich auf keinen grünen Zweig. Nicht weniger als vier wissenschaftliche Gutachten, ein Landtagsbeschluß und der Bayerische Verwaltungsgerichtshof geben ihm und seinem Nachbarn Andreas Seiwald im Kleinkrieg um die nötigen Abschüsse recht und bestätigen, daß der Wildverbiß ein unerträglicher Eingriff in das Eigentum sei. Vier Naturschutzverbände unterstützen den Kämpfer gegen "die Herren der Wälder" - sonst wäre er finanziell längst zur Strecke gebracht worden. Alle bayerischen Ministerpräsidenten, zuletzt Max Streibl, sind gern auf die Jagd gegangen. Infolgedessen waren der Freistaat und die organisierte Jägerschaft nicht leicht auseinanderzuhalten. Denn die Privilegien der bequemen Trophäenjagd wollte niemand gerne aufgeben. So kam es, daß Bayern gegen das Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes Berufung einlegte.
Warum Georg Hinterstoißer nicht selbst zur Büchse greift, um die allzu vielen Fresser zu dezimieren? "Ganze zwei Rehe hätte ich schießen dürfen", sagt er. "Aber damit kann ich meinem Wald ja überhaupt nicht helfen." Als sein Fall im Herbst 1994 in ganz Bayern diskutiert wurde, haben ihm die Pächter angeboten, zwölf Stück Rehwild zu schießen. Eine Offerte, die Hinterstoißer als Schwarzen Peter zurückwies, weil das "an der Waldsituation überhaupt nichts ändert, wenn nicht alle gemeinsam dazu beitragen, das erforderliche Abschußsoll im gesamten Revier zu erfüllen".
Ein notorischer Quertreiber ist Hinterstoißer nicht. Der Unmut unter den 400 000 Waldbesitzern, die sich jahrzehntelang mit einem jährlichen Jagdessen haben abspeisen lassen, wächst. Warum trotzdem keiner mit dem Mann vom Schneewinklhof auf die Barrikaden steigt? Weil der Wald immer weniger wert und es eine Knochenarbeit ist, das Holz vom Berg herunterzuschaffen. Anders als ein Maisacker wirft ein Wald keine kurzfristige Rendite ab.
In Berlin steht einiges auf dem Spiel, für die Jäger, für den Freistaat Bayern. Für Georg Hinterstoißer und viele stille Waldbauern geht es um die Existenz. Daß vernunftbegabte Wesen mit einer ihrer Lebensgrundlagen so leichtfertig umgehen können, will ihm partout nicht in den Schädel.
- Datum 24.03.1995 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 13/1995
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