Starrer Riese
Die Rede ist von Gesten der Versöhnung. Formuliert aber werden Erwartungen, und gemeint sind handfeste Ansprüche. Es steht nicht gut um das tschechisch-deutsche Verhältnis. Zwar konstatierte Klaus Kinkel die Störung vergangene Woche in seiner Regierungserklärung; er war jedoch nicht willens, sie ernstlich zu beseitigen. Seine Rede war gedacht als Antwort auf Václav Havels Aufruf zum Dialog in der Prager Karlsuniversität, doch sie geriet zu einer Aufzählung von Forderungen.
Kinkel sprach von der Gerechtigkeit, die Deutschland den tschechischen Naziopfern schulde. Ein klares Wort. Aber wann und wie diese Schuld abgetragen werden solle, sagte der Außenminister nicht. Und mußte er dann auch noch das alte deutsche Verlangen hinterherschicken? Die Tschechen sollten, bitte schön, die Sudetendeutschen als "Landsleute" anerkennen, mit ihnen Gespräche führen, sich von kollektiven Schuldzuweisungen distanzieren. Kinkel verpaßte eine große Gelegenheit. Es bleibt dabei: Noch immer fordert Bonn Gegenleistungen und rechnet Naziverbrechen gegen sudetendeutsches Leid auf, auch fünfzig Jahre nach dem Kriegsende.
Wir Deutschen sind gefangen in unserer Vergangenheit. Unsere Geschichte ist mit den Tschechen verzahnt wie mit keinem anderen Nachbarvolk. Böhmen war Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, im 14. Jahrhundert gar sein Zentrum, mit der ersten deutschen Universität in Prag. Erst heute verengt sich der Blick beider Völker auf zwei Ereignisse: auf das Münchner Abkommen von 1938 und die Vertreibung der Sudetendeutschen im Jahre 1945.
Das Münchner Abkommen haben Prag und Bonn im Dezember 1973 für eingeschränkt "nichtig" erklärt. Die Einigung mit den Tschechen kam jedoch auch damals erst nach der Verständigung mit Russen und Polen zustande. Für die Vertreibung der Sudetendeutschen hat sich Václav Havel 1989 entschuldigt. Zu Hause bezog er dafür Prügel. Die deutsche Regierung unternahm nichts, um ihrem wichtigsten Verbündeten in Prag durch ein deutliches Entgegenkommen den Rücken zu stärken. Der Grundlagenvertrag von 1992 blieb Papier, die Beziehungen trockneten ein. Kein Wunder: Ihre Pflege hatte Bonn ganz der bayerischen Staatsregierung überlassen. Die "Schirmherren" der Sudetendeutschen und ihrer Landsmannschaft beharren bis heute auf den vermeintlichen Rechten des vierten "Stamms unter den Volksstämmen Bayerns": Rückgabe, Rückkehr, Revision. Da mögen die Sachsen, die auf guten Kontakt zu ihrem Nachbarn angewiesen sind, noch so drängen - Stoiber bleibt stur. Unterdessen läuft die Uhr gegen die Deutschen.
Auch die Tschechen igeln sich ein. Die Erinnerung an 1938 bleibt wach, das Mißtrauen gegen den Nachbarn groß. In diesem Klima gedeihen Entscheidungen wie die des tschechischen Verfassungsgerichts, nach der die Beschlagnahme des Eigentums aller Deutschstämmigen 1945 rechtmäßig gewesen sei. Das Gericht bekräftigte damit die Benes-Dekrete, die Grundlage der Vertreibung waren. Kein nüchternes Urteil, sicherlich. Das Leid der dreieinhalb Millionen vertriebenen Deutschen ist in Tschechien unter den gegebenen Umständen eben noch kein Thema.
Dürfen sich die Deutschen darüber wundern? Vor der gewaltsamen Aussiedlung standen die gewaltsame Besetzung und der Naziterror. An den Benes-Dekreten jedenfalls wird in Prag nicht gerüttelt: Das gehört zum Selbstverständnis der meisten der zehn Millionen Tschechen, da doch die Nähe zu achtzig Millionen Deutschen nicht nur beruhigend wirkt. Bonn bleibt nichts anderes übrig, als sich darauf einzustellen und dennoch politisch voranzukommen. Der Riese muß sich endlich bücken, denn nur so können die beiden sich näherkommen.
Was die Bundesrepublik materiell gegenüber Polen schon in den siebziger Jahren abtrug, darf den Tschechen nicht vorenthalten werden. Die Entschädigung der Naziopfer - in welcher Form auch immer, individuell oder pauschal - ist überfällig, ohne Kinkels Wenn, Kohls Aber, Stoibers Nein. Und mehr noch: Deutschland sollte den Verzicht auf die Rückgabe des ehemaligen sudetendeutschen Besitzes aussprechen, den Verzicht auch auf Entschädigungszahlungen der armen Tschechen an die reichen Deutschen.





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