Striptease

Jetzt lassen Frankreichs Politiker die Hüllen fallen. Nicht, daß Lionel Jospin seine neue Designerbrille ablegte, Jacques Chirac auf sein ewigblaues Jackett verzichtete oder Edouard Balladur aus den kardinalroten Socken hüpfte. Viel schlimmer! Hab und Gut legen die Präsidentschaftskandidaten offen. Was dem französischen Film die baren Busen, sind dem französischen Filz die baren Börsen!

Nach Monaten voller Korruptionsaffären verlangen die Citoyens Offenheit. Eine Revolution in diesem katholischen Land, wo der Betrug am Fiskus zum guten Ton gehört und jeder selbst auf dezente Fragen nach dem finanziellen Wohlbefinden in bitteres Klagen verfällt. Fortan weiß jeder, daß Premierminister Balladur 958 578 Franc Steuern bezahlt, daß Bürgermeister Chiracs Jahreseinkommen 1,919 Millionen beträgt (Dienstwohnung von 1000 Quadratmetern umsonst dazu) und daß sich der Sozialist Jospin eines Kabrioletts (Marke Renault 19) erfreut.

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Gewiß, es weht noch ein Schleier der Prüderie. Bloß nicht zuviel Neid erwecken. Ansonsten aber: schonungslose Offenheit. Nebulös bleibt bloß Nebensächliches. Die politischen Programme der Präsidentschaftsbewerber zum Beispiel.

 
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