TÜBINGEN. - Noch als der Professor von Polizisten aus dem Hörsaal getragen wurde, redete er weiter. Später stand er einsam vor einer Tafel im lichtarmen Flur der Universität und erklärte einer kleinen Schar von Studenten den Unterschied zwischen toter und lebender Materie. Vier Beamte in Zivil bewachten derweil den Eingang zum Hörsaal, den zu betreten Professor Otto Rössler, Chaosforscher an der Universität, vom Rektorat untersagt worden war. Das war im Oktober 1994, und es wiederholte sich dabei ein im Jahr davor erprobter Kleinkrieg zwischen der Universität und dem eigenwilligen Professor. Rössler, von Haus aus Mediziner und eher durch Zufall in den siebziger Jahren als Professor bei den Chemikern angesiedelt, sollte nach Ansicht der Fakultät für Studenten eine Einführungsvorlesung in Chemie halten.

Rössler weigerte sich, weil er von Chemie nicht genug verstehe. Die Weigerung kostete ihn schließlich tausend Mark Disziplinarstrafe, und so trat er im darauffolgenden Jahr widerwillig den Gang in den Hörsaal an.

Seinen Widerwillen erklärte er den verdutzten Studenten gleich in der ersten Stunde. Er wisse nicht viel über Chemie, stöhnte Rössler, werde diese Vorlesung aber hoffentlich "irgendwie hinkriegen", verglich sich mit einem Piloten, der während des Fluges erst das Fliegen lerne und nannte sich auch einen "Metzger, den man gegen seinen Willen zum Chirurgen" gemacht habe. Damit hatte der Chaosforscher Rössler schon wieder einen Fehler begangen. Einen Tag später teilte ihm die Universitätsverwaltung verärgert mit, er dürfe die Vorlesung keinen Tag länger halten. Das Chaos war perfekt. Denn jetzt weigerte sich Rössler aufzuhören.

Im Hörsaal N6 des Instituts für Physikalische und Theoretische Chemie kam es in der Folge zu ungewöhnlichen Szenen: Handgreiflichkeiten zwischen Rössler und dem eingesprungenen Ersatzdozenten, in deren Verlauf der Chaosforscher ausrastete und die Universitätsverwaltung mit der Nazidiktatur verglich.

Der Mann, so muß sich daraufhin der baden-württembergische Wissenschaftsminister Klaus von Trotha wohl gedacht haben, habe sie nicht mehr alle, und er forderte den Professor auf, sich in der psychiatrischen Klinik in Freiburg untersuchen zu lassen. Rössler weigerte sich.

Ist dieser Mann verrückt? Nun, spricht man mit ihm selbst und sieht ihm zu, wie er fahrig mit der Hand durch sein Haar streicht, wie er unruhig auf dem Stuhl hin- und herrutscht, wie er in Stapeln von Papier wühlt oder wie hilflos er seinem Gast die Kaffeetasse zurechtrückt, so kann man durchaus einen Grad an Verworrenheit feststellen, wie man ihn gelegentlich in akademischen Etagen findet. Unbestritten ist aber Professor Rösslers internationaler Ruf. Er war einer der ersten deutschen Wissenschaftler, die sich der Chaosforschung widmeten, einer Grundlagendisziplin über die Vorausberechnung bestimmter Phänomene. Rössler arbeitet eng mit amerikanischen Wissenschaftlern zusammen und publizierte in den achtziger Jahren viele seiner Beiträge in den USA. Zur Zeit bemüht sich das renommierte Santa Fe Institute um eine Gastprofessur Rösslers. Sein Antrag auf ein Urlaubssemester wurde in Tübingen aber bislang abgelehnt.

Rössler fühlt sich als Opfer der Massenuniversität. Weil dem steten Ansturm von Studenten nicht mit weiteren Lehrstellen entsprochen wurde, liegt heute auf den Professoren der chemischen Fakultät eine weitaus höhere Last als noch vor Jahren. Ein Nischenprofessor wie Chaosforscher Rössler, der sich vom allgemeinen Lehrbetrieb bislang fernhalten konnte, provoziert in dieser Situation den Neid seiner überlasteten Kollegen.