Immer wieder und immer noch einmal: Es friert einem das Herz, wenn man mit den Schicksalen derer konfrontiert wird, die wir jagten, verbannten, in den Tod trieben - die deutschen Emigranten.

Die Erinnerungen an "Joseph Roths Flucht und Ende" sind ergreifend. Nicht zuletzt durch den aus Behutsamkeit und Unaufgeregtheit gemischten Ton seines Jugendfreundes Soma Morgenstern, der bis ans bittere Ende, Paris 1939, sein Gefährte war. Ohnehin ein Verdienst des Verlags, diesen Schriftsteller wiederzuentdecken, dessen Werk wir nun in der auf elf Bände angelegten Werkausgabe kennenlernen werden - den 1890 in einem ostgalizischen Dorf geborenen späteren Wiener Kulturkorrespondenten der Frankfurter Zeitung, 1938 nach Frankreich und 1941 weiter in die USA geflüchtet; seine Romane, Stücke und Erinnerungen blieben in Deutschland weitgehend unbekannt.

Hier ist er nun erst einmal Chronist - des hochmütig-närrischen Lebens von Joseph Roth, seines Freundes von Jugend an, der so wunderbare Prosa und so verlogene Bettelbriefe schrieb, so glitzernde Feuilletons wie betrunken-verwölktes Gelalle (obwohl selber der festen Überzeugung, nur alkoholisiert gut schreiben, nüchtern überhaupt nicht formulieren zu können: "Alle guten Einfälle kommen mir beim Trinken. Wenn Du willst, zeig ich Dir in meinen Romanen jede gute Stelle, die ich einem guten Calvados zu verdanken habe."). Schon sehr früh, 1926, hatte Joseph Roth ja - ganz im Ton seines Widersachers Kurt Tucholsky, etwa dessen "Ich ruh` von meinem Vaterlande aus" - Paris gefeiert, wohin den Starjournalisten die Frankfurter Zeitung entsandt hatte:

"Sehr verehrter Herr Reifenberg,

dieser Brief darf Sie nicht glauben lassen, ich wäre verrückt geworden vor Entzücken über Frankreich und Paris. Ich schreibe ihn in klarster Geistesgegenwart, im Vollbesitz meiner Skepsis und auf die Gefahr hin, eine ,Schmockerie` zu begehn, das Schlimmste, was mir passieren könnte. Es drängt mich, Ihnen ,persönlich` zu sagen, daß Paris die Hauptstadt der Welt ist und daß Sie hierher kommen müssen. Wer nicht hier war, ist nur ein halber Mensch und überhaupt kein Europäer. Es ist frei, weit, geistig im edelsten Sinn und ironisch im herrlichsten Pathos. Jeder Chauffeur ist geistreicher, als unsere Schriftsteller. Wir sind wirklich ein unglückliches Volk. . . . Die Viehtreiber, mit denen ich frühstücke, sind vornehm und edel, mehr, als unsere Minister, der Patriotismus ist hier berechtigt, der Nationalismus ist eine Kundgebung europäischen Gewissens, jede Ankündigung ist eine Dichtung, die Affichen des Magistrats sind so vollendet, wie unsere beste Prosa, die Kinoreklamen enthalten mehr Phantasie und Psychologie als unsere modernen Romane, die Soldaten sind verspielte Kinder, die Polizisten amüsante Feuilletonisten . . .

Ich bin sehr traurig. Denn zwischen gewissen Rassen gibt es keine Brücken, nie wird es zwischen Preußen und Frankreich eine Bindung geben. Ich sitze im Restaurant neben Deutschen, mich grüßt der Kellner, zu mir lächelt die Kellnerin, der Direktor, der Piccolo, sie behandelt man kühl, sachlich. Es geht von ihnen eine unerträgliche Steifheit aus, sie atmen nicht Luft aus, sondern Zäune und Mauern, dabei sprechen sie manchmal besser, als ich. Woher kommt es? Es ist doch die Stimme des Blutes und des Katholizismus. Paris ist katholisch im weltlichsten Sinn dieser Religion, zugleich europäischer Ausdruck des allseitigen Judentums.

Ich grüße Sie herzlich und küsse Ihrer Frau die Hände,