Der Alarmruf erreichte Ulrich Driller weit nach Mitternacht, um zehn vor eins. Es war die Nacht auf Sonntag. Irgendwo aus dem dunklen Hannover rief ihn eine Polizeistreife, im Einsatz wegen einer Familienstreitigkeit: Das heißt, ein Mann hat zugeschlagen, und eine Frau ist verprügelt worden.

In diesem Fall waren es drei Fausthiebe ins Gesicht. Seit fast zwei Stunden schon hatten Polizisten in der Wohnung tun wollen, was Ordnungshüter in solchen Fällen immer tun: die Lage beruhigen und den häuslichen Frieden wiederherstellen. Diesmal vergebens. Irgendwann wußten die Beamten nicht weiter. Die Frau wollte raus aus der Wohnung und die beiden Kinder keinesfalls zurücklassen. Der Ehemann ließ sie nicht gehen. Beide pochten auf ihr Sorgerecht.

Deshalb der Ruf nach dem Sozialarbeiter Ulrich Driller. Bis morgens um vier hockte er sich zwischen die erbitterten Eheleute. Die Geschichte, die Driller aus den beiden herausfragte, ist ein trauriges und typisches Stück aus einem deutschen Familienalltag, der in Gewalt endet.

Mann und Frau hatten in den acht Jahren ihrer Ehe aufgehört, miteinander zu reden. Dafür setzte es öfter Schläge. Verschlossen und gestreßt vom Ärger in der Arbeit, zog der Mann abends die Gesellschaft von Fernseher und Bierflasche der seiner Gattin vor. Die telephonierte drum immer ausgiebiger mit ihrer Freundin. Einmal die Woche ging sie neuerdings auch abends aus - allein. Es war das Autonomiebestreben, dieses langsame Sichfreimachen, das im Mann die düstere Vermutung keimen ließ: Sie setzt sich ab. Die Angst vor dem Kontrollverlust mündete in die Eifersucht auf Unbekannt. Auch an diesem Abend hatte er wieder geargwöhnt, sie setze ihm Hörner auf. Und sie hatte entgegnet: "Wenn ich es eines Tages wirklich mache, dann werden es nicht nur ein paar Hörner sein, sondern ein ganzes Geweih." Da schlug er zu.

Derartige "Familienstreitigkeiten" laufen im allgemeinen ohne Vermittler wie Ulrich Driller ab, wiederholen sich ein paar Tage oder Wochen später, eskalieren, führen zu schweren Verletzungen, zur Flucht ins Frauenhaus, vielleicht sogar zum Totschlag. Deshalb richtete die Stadt Hannover das "Präventionsprogramm Polizei/Sozialarbeiter (PPS)" ein, wo sieben Sozialarbeiter bis tief in die Nacht Krisendienst tun. Denn der Polizeinotruf 110 wird von vielen Menschen in Anspruch genommen, deren Probleme mit Gummiknüppeln, Handschellen und Strafzetteln nicht zu lösen sind: "Psychosoziale Notlagen", wie Driller sie nennt. Gemeint sind in der Regel Opfer von Gewalt hinter den Türen der Privatwohnungen.

An jenem Sonntagmorgen hatte die Polizei die Strafanzeige der Frau gegen den Mann wegen Körperverletzung schon aufgenommen. Ulrich Driller wird das Opfer zum Arzt schicken, damit es sich die Verletzungen attestieren läßt. Eine richterliche Zuweisung der Wohnung an die Frau kommt nicht in Frage - dafür sind ihre Verletzungen nicht schwer genug. Driller hat die Ehepartner dazu gebracht, sich endlich einmal auszusprechen. Und er wird die Frau drängen, ihre Anzeige auf keinen Fall zurückzuziehen. Der Druck auf den Mann muß erhalten bleiben. Er muß gezwungen werden, sich zu einer Beratungsstelle zu bewegen und mit der Zeit sein Konfliktverhalten zu ändern. "Andernfalls", fürchtet Driller, "wird er wieder schlagen. Und dann wird er seine Frau verlieren."

PPS mischt sich ein in die Familien. Das Projekt ist ein Unikum in der Bundesrepublik, doch das wird es nicht bleiben. Frauenrechtlerinnen, Kinderschützer und Sozialpolitiker verlangen immer lauter, der Staat solle sich viel rigoroser ins Familienleben einmengen. Neue Wege der Intervention in die privateste Sphäre sind in der Diskussion: Haft für schlagende Ehemänner, schärferes Strafrecht, Zwangstherapien, mehr Krisendienste und Anlaufstellen für Opfer.