Sanfte Sanierung
Der gegenwärtige Konjunkturaufschwung ist keineswegs für alle Deutschen ein Grund zur Freude. In vielen Unternehmen ist der Arbeitsplatzabbau noch nicht abgeschlossen. Auch die Zahl der Dauerarbeitslosen dürfte sich kaum vermindern. Gleiches gilt für die Zahl der Sozialhilfeempfänger, die sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelte. Zudem werden die Langzeitempfänger von Sozialhilfe - in der Regel Dauerarbeitslose und Alleinerziehende - im Durchschnitt immer jünger und hoffnungsärmer. Schließlich hat die Zahl der Menschen, die als Nichtseßhafte auf der Straße oder als Obdachlose in Notunterkünften leben, dramatisch zugenommen.
Zwar wurden in den vergangenen Jahren immer wieder neue Instrumente der aktiven Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik eingeführt; derzeit existiert eine breite Palette von Maßnahmen zur Wiedereingliederung von Dauerarbeitslosen - von Lohnkostenzuschüssen an Betriebe bis hin zu zeitlich befristeten, sozialversicherungsrechtlich abgesicherten Arbeitsverhältnissen. Doch diese Programme greifen zu kurz. Vor allem die Wohn- und Lebenssituation von jugendlichen Arbeitslosen, die teilweise auf der Straße leben, und Alleinerziehenden, die auf Kinderbetreuung angewiesen sind, verhindert den Erfolg der Maßnahmen. Aus der Not ließe sich eine Tugend machen: Langzeitsozialhilfeempfänger könnten eigenen Wohnraum schaffen und ihre Chancen auf eine langfristige Beschäftigung durch kontinuierliche Qualifizierung erhöhen. Ein Modell dafür sind sogenannte Mobile Altbausanierungsteams, im Jargon als Mobas-Teams abgekürzt. Diese Gruppen lassen sich in einem Dreistufenkonzept verwirklichen, das die bestehenden Instrumente der aktiven Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik mit einer an der Not orientierten Wohnungspolitik verbindet. In der ersten Stufe, die kurzfristig realisiert werden kann, sollen sie sich unter Anleitung und Betreuung von Fachleuten eigenen Wohnraum in sanierungsbedürftigen, staatseigenen Altbauten schaffen. Dabei soll eine "sanfte" Sanierungsstrategie zum Zuge kommen: Zum einen sollen Altmaterialien wiederverwendet und Ausschußware benutzt werden, zum anderen soll in Etappen vom Notwendigen zum Ansehnlichen saniert werden. Das wirkt kostensenkend und ist ökologisch sinnvoll. Wichtig ist, daß die künftigen Nutzer der Wohnungen bereits in der Planungsphase beteiligt werden. Bei schwierigeren Arbeiten werden Fachleute hinzugezogen.
In der zweiten Stufe sollen mittelfristig Mobas-Teams aus motivierten und geeigneten Programmteilnehmern entstehen. Sie sollen eine Ausbildungsphase durchlaufen, in der sie in enger Kooperation mit den örtlichen Handwerkskammern zusätzliche Qualifikationen in praktischer und theoretischer Hinsicht erwerben. Ein Element dieser Phase könnte der weitere Ausbau des eigenen Wohnraums sein. Ziel ist eine Abschlußprüfung mit Zertifikat. Dieser Abschluß qualifiziert für den Einstieg in das reguläre Berufsleben oder zum erfolgversprechenden Beginn einer Lehre.
Diese Lehre kann auch bei den in der dritten Stufe zu gründenden, gemeinnützigen Mobas-Team GmbHs absolviert werden. Die Träger der GmbHs könnten zunächst Kommunen, Wohl-
Alexander Spermann ist wissenschaftlicher
Assistent am Institut für Finanzwissenschaft der
Universität Freiburg




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