Gottes strenge Siedler
Das stakkatohafte Hufgeklapper auf dem Asphalt täuscht Tempo vor. Einige Autofahrer hupen ungeduldig. Ihnen ist das Bild auf dem Western Highway, der Nationalstraße von San Ignacio zur 116 Kilometer fernen Karibikmetropole Belize City, vertraut: Zwei Pferde ziehen einen kleinen Planwagen, auf dessen Holzbock ein vollbärtiger Mann mit Strohhut sitzt. Fremd wirken nur die beiden Rucksacktouristen neben ihm. Teilnehmer einer gar nicht kommerziellen Kutschfahrt im Westen Belizes, an der Peripherie des Dschungels, einen Jaguarsprung weit von der Grenze zu Guatemala. "Wir wollen Jesus nachfolgen", sagt der rothaarige Franz. Und wir, die beiden deutschen Touristen, wollen Franz nachfolgen. In den Urwald, zu den Wiedertäufern, nach Upper Barton Creek, zu einem der "settlements", wie es auf der Zentralamerika-Karte heißt.
Franz B. Penner, 30, ist Mennonit. Das Wort Gottes ist der Kompaß seines Lebens. Kindertaufe, Zölibat und die Abendmahlsfeier der katholischen Kirche sind ihm ein "Greuel". Wie schon vor 458 Jahren dem katholischen Priester Menno Simons, der 1536 seine Gemeinde im friesischen Witmarsum verließ, sich den Täufern anschloß, als deren Ältester in Emden und Groningen das "Fundament des Christelijken Leers" neu legte und zum Urvater der Mennoniten wurde. Franz war nie in Emden oder Groningen, nie in Deutschland oder Holland - trotzdem spricht er wie alle Mennoniten friesisches Platt und das Deutsch der Luther-Bibel. Seine Vorfahren mußten immer wieder um ihres Glaubens willen fliehen. Seit dem Reichstag zu Speyer 1529 stand auf die "Wiedertaufe" die Todesstrafe. Friesland, die Niederlande, Preußen, Rußland, die USA, Kanada, Mexiko, Süd- und Mittelamerika sind die Stationen von Exil und jahrhundertelanger Flucht der Mennoniten - der Flucht vor Scheiterhaufen, Kriegsdienst und Hunger. Für Franz` Eltern und zwanzig andere Familien endete die Odyssee 1970 mitten im Urwald, in der Siedlung Upper Barton Creek in Belizes Bezirk Cayo.
Wir trafen ihn am Markt in San Ignacio um sechs Uhr morgens. Es war ein Karsamstag. Da stand er mit schwarzer Twillhose, ausgeleierten Hosenträgern, froschgrünem Baumwollhemd und kreisrundem Strohhut vor seinem Planwägelchen wie ein in die Jahre gekommener Huckleberry Finn. Kraut und Kartoffeln bot er schüchtern im Gemenge der Marktschreier und Schnäppchenjäger an und weckte unsere Neugier - einzutauchen in das Leben der Wiedertäufer. Ja, freilich, er könne uns auf dem Rückweg mitnehmen, sagte Franz, aber der Weg sei weit. "Es möchten schon zwei Stunden sein." Die zwanzig Kilometer hatte er mit seinem Pferdewagen zurückgelegt, um in dem verschlafenen 8000-Einwohner-Städtchen im Westen Belizes seinen Kohl zu verkaufen. Fünfzehn Belize-Cents, zwölf Pfennig, brachte ein Kohlkopf. Vom Erlös hat er Bohnen erstanden. Und einen Becher Popcorn. An anderen Samstagen - "wenn es uns not ist" - Schuhe und Stoff, auch Pestizide und Kunstdünger. Jeder Luxus ein Tabu, denn "was das Leben angenehm macht, ist Gott ein Greuel", sagt Franz und strafft die Zügel. Auto, Flugzeug, Elektrizität, Mode, Tanz, Photographieren, Alkohol und Nikotin - sie lehnen es ab. Die Mennoniten leben streng nach der Bibel, die über hundert von Upper Barton Creek strengstens, "ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht", wie Paulus den Römern predigte. An einer Texaco-Tankstelle kauft Franz eine Gallone Petroleum. Die 3,785 Liter werden seine Nachtlampe monatelang brennen lassen.
"Der Weg in den Himmel ist schmal", glaubt Franz. Der Weg zu seinem Hof auch. Die Zivilisation, in den Worten der Mennoniten "die Welt", liegt hinter uns. Vor uns eine Arche Gottes? Lehm- und Schotterpiste führen durch den Urwald, bei Anhöhen heißt es vom Wagen absteigen. Tropische Postkutschenromantik Anno Domini 1994.
Upper Barton Creek. Belizes "last frontier", das sind in die gerodete Landschaft gewürfelte Holzhäuser, die nur ein Feldweg verbindet, abgezäunte Weiden, Obstgärten, Kartoffeläcker. Das Gemeindehaus ist wochentags Schulhaus, am Tag, "als Gott ruhte", Kirche.
"Wen hast du da mitgebracht?" Susanne, Franz` Frau, erstaunt der Besuch. Deutsche Touristen verirren sich nach Upper Barton Creek so selten wie Mennoniten auf die Reeperbahn. Für Gottes abgeschiedene Siedler scheint Gastfreundschaft das elfte Gebot zu sein. Dem jungen deutschen Paar - "Seid ihr geheiratet?" - werden Hühnchen, Kartoffeln, Möhren und Ananas-Mango-Kompott aufgetischt. Keine Maistortillas, wie fünfzig Kilometer weiter westlich im Land der Maya. Franz spricht das Tischgebet. Rudolf, Hubert und Lydia mühen sich um ernste Gesichter. Drei, vier und fünf Jahre alt sind seine Blondschöpfe. Samuel, sechs Monate alt, schläft.
Wir berichten von "der Welt" - wie von einem fremden Planeten. Mit Franz zu reden ist, als müßte man einem Menschen aus dem Mittelalter die Funktion eines Computerchips erklären. Begriffe wie "Bank", "Universität" oder "Journalist" kennt er nicht. Nur eine einzige der 21 Familien liest gelegentlich Zeitung. Ansonsten begnügen sich die Menschen in Upper Barton Creek mit ihrem fast 500 Jahre alten Weltbild. "Warum so lange lernen für ein rechtschaffenes Handwerk?" unterbricht Susanne Penner unser Gespräch über Ausbildung in Deutschland. Dabei wippt sie in gemächlichem Rhythmus in ihrem Schaukelstuhl, an der Brust den kleinen Samuel. Samuel wird einmal sechs Jahre lang zur Schule gehen, jeweils ein halbes Jahr ins Gemeindehaus, die anderen sechs Monate des Jahres wird er als "Lehrling" seinem Vater bei der Feldarbeit und beim Schmieden von Werkzeugen helfen. Lesen, Schreiben, Rechnen und ein Handwerk müssen genug sein für ein gottesfürchtiges Mennonitenleben.
Vier Prozent der 200 000 Belizer und etwa 700 000 Menschen weltweit leben nach dieser mennonitischen Auffassung. Trotz ihrer geringen Zahl tragen sie dank ihres Fleißes wesentlich zur Lebensmittelversorung in der früheren britischen Kolonie bei. Die Landwirtschaft ist der größte Wirtschaftsfaktor in dem Zwergstaat, der 1981 unabhängig wurde. Nicht größer als Hessen ist der Vielvölkerstaat. Touristen schätzen das einstige Britisch-Honduras - wegen seines Urwalds, zahlreicher Maya-Stätten und der Cays, den palmenbestandenen Inseln zwischen Karibikküste und Riffs.
Flock, der schwarze Mischlingshund der Penners, fängt an zu bellen. Sein Kläffen kündigt den Besuch von Peter Penner, Franz` Vater, an. Es hat sich schnell herumgesprochen, daß zwei "Ditsche" im Dorf sind. Bei Peter Penner weckt das missionarischen Eifer: Er lädt uns ein, bei ihm zu übernachten. Eine Petroleumfunzel wirft diffuses Licht in der Wohnstube, während draußen die Grillen zirpen. Der Hausherr zupft an seinem weißen Bart, der ihm bis zum Gürtel reicht. Er hat sich nie im Leben rasiert, auch das sei ein Gebot Gottes.
Bedingungslosen Gehorsam leisten die Mennoniten nur Gott. Den Staat tolerieren sie bestenfalls. Sie zahlen zwar Steuern, doch gehen sie nicht wählen. Nur eine Bedingung stellen sie: Der Staat muß die Männer vom Kriegsdienst und die Kinder von der Schulpflicht freistellen.
Idyllisch liegen die skandinavisch anmutenden Holzhäuser in der tropisch-grünen Hügellandschaft. Die Luft ist noch kühl an diesem Ostermorgen. Auf der ganzen Welt feiern Christen diesen Tag als das höchste Fest ihres Glaubens. Nicht jedoch in Upper Barton Creek. Wiehernde Pferde durchbrechen die morgendliche Stille. Peter Penner spannt die beiden Hengste vor den Wagen. Um acht beginnt die Versammlung im Gemeindehaus. Eine Kutsche nach der anderen fährt vor. Die Menschen, die aussteigen, sind kaum zu unterscheiden. Die schlichten hochgeschlossenen Kleider sind alle gleich geschnitten, nur die Farben variieren: schwarz, braun, grün oder blau.
Die Männer tragen alle einen Pagenschnitt, die Frisuren der Frauen bleiben unter einem Kopftuch und an Sonntagen zusätzlich unter einer schwarzen Rüschenhaube verborgen. Selbst die blassen Gesichter ähneln sich. Weil die Mennoniten unter sich bleiben, sind alle irgendwie miteinander verwandt.
"Oh Sünder, erwach von deiner Schuld", müht sich die Gemeinde zu singen. Doch der "Gesang" gleicht mehr einem Jaulen und Heulen, denn sie kennen keine Noten, lehnen Instrumente ab und haben noch nie Musik in Radio oder Fernsehen gehört. "Unerwartet kann sich das Tor zum Himmel schließen", mahnt Prediger Cornelius Harder. Er spricht davon, wie unnötig christliche Feste seien, warnt vor dem "Modernen" und der Gefahr, vom rechten Weg abzuweichen. Die Predigt ist auf uns gemünzt. Aber das interessiert niemanden. Mütter schneiden ihren Kindern die Zehennägel, wickeln sie, spielen mit ihnen oder stillen sie. Die Kleider sind eigens so geschnitten, daß die nackte Brust dabei nicht zu sehen ist. Nach Cornelius Harder predigen noch zwei Diakone, genauso monoton, nur diesmal auf englisch, der Amtssprache Belizes.
Drei Stunden hat die Versammlung gedauert. Erleichterung und die Vorfreude auf das Mittagessen steht den Nachfolgern Menno Simons ins Gesicht geschrieben. "Wißt ihr schon, wo ihr Mahl haltet? Habt ihr schon Quartier für die Nacht?" Mehrere Familien laden uns ein zu bleiben. Sie respektieren unseren Wunsch zu gehen. Nicht ohne uns zuvor mit Orangen aus eigenem Anbau und mennonitischen Schriften einzudecken. Darauf gründet der Prediger die Hoffnung, daß die beiden aus "Ditschland" doch noch auf den "rechten Weg" finden werden. "Vielleicht sehen wir uns im Himmel wieder", verabschiedet er sich.
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- Quelle DIE ZEIT, 16/1995
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