Gottes strenge SiedlerSeite 2/2
Vier Prozent der 200 000 Belizer und etwa 700 000 Menschen weltweit leben nach dieser mennonitischen Auffassung. Trotz ihrer geringen Zahl tragen sie dank ihres Fleißes wesentlich zur Lebensmittelversorung in der früheren britischen Kolonie bei. Die Landwirtschaft ist der größte Wirtschaftsfaktor in dem Zwergstaat, der 1981 unabhängig wurde. Nicht größer als Hessen ist der Vielvölkerstaat. Touristen schätzen das einstige Britisch-Honduras - wegen seines Urwalds, zahlreicher Maya-Stätten und der Cays, den palmenbestandenen Inseln zwischen Karibikküste und Riffs.
Flock, der schwarze Mischlingshund der Penners, fängt an zu bellen. Sein Kläffen kündigt den Besuch von Peter Penner, Franz` Vater, an. Es hat sich schnell herumgesprochen, daß zwei "Ditsche" im Dorf sind. Bei Peter Penner weckt das missionarischen Eifer: Er lädt uns ein, bei ihm zu übernachten. Eine Petroleumfunzel wirft diffuses Licht in der Wohnstube, während draußen die Grillen zirpen. Der Hausherr zupft an seinem weißen Bart, der ihm bis zum Gürtel reicht. Er hat sich nie im Leben rasiert, auch das sei ein Gebot Gottes.
Bedingungslosen Gehorsam leisten die Mennoniten nur Gott. Den Staat tolerieren sie bestenfalls. Sie zahlen zwar Steuern, doch gehen sie nicht wählen. Nur eine Bedingung stellen sie: Der Staat muß die Männer vom Kriegsdienst und die Kinder von der Schulpflicht freistellen.
Idyllisch liegen die skandinavisch anmutenden Holzhäuser in der tropisch-grünen Hügellandschaft. Die Luft ist noch kühl an diesem Ostermorgen. Auf der ganzen Welt feiern Christen diesen Tag als das höchste Fest ihres Glaubens. Nicht jedoch in Upper Barton Creek. Wiehernde Pferde durchbrechen die morgendliche Stille. Peter Penner spannt die beiden Hengste vor den Wagen. Um acht beginnt die Versammlung im Gemeindehaus. Eine Kutsche nach der anderen fährt vor. Die Menschen, die aussteigen, sind kaum zu unterscheiden. Die schlichten hochgeschlossenen Kleider sind alle gleich geschnitten, nur die Farben variieren: schwarz, braun, grün oder blau.
Die Männer tragen alle einen Pagenschnitt, die Frisuren der Frauen bleiben unter einem Kopftuch und an Sonntagen zusätzlich unter einer schwarzen Rüschenhaube verborgen. Selbst die blassen Gesichter ähneln sich. Weil die Mennoniten unter sich bleiben, sind alle irgendwie miteinander verwandt.
"Oh Sünder, erwach von deiner Schuld", müht sich die Gemeinde zu singen. Doch der "Gesang" gleicht mehr einem Jaulen und Heulen, denn sie kennen keine Noten, lehnen Instrumente ab und haben noch nie Musik in Radio oder Fernsehen gehört. "Unerwartet kann sich das Tor zum Himmel schließen", mahnt Prediger Cornelius Harder. Er spricht davon, wie unnötig christliche Feste seien, warnt vor dem "Modernen" und der Gefahr, vom rechten Weg abzuweichen. Die Predigt ist auf uns gemünzt. Aber das interessiert niemanden. Mütter schneiden ihren Kindern die Zehennägel, wickeln sie, spielen mit ihnen oder stillen sie. Die Kleider sind eigens so geschnitten, daß die nackte Brust dabei nicht zu sehen ist. Nach Cornelius Harder predigen noch zwei Diakone, genauso monoton, nur diesmal auf englisch, der Amtssprache Belizes.
Drei Stunden hat die Versammlung gedauert. Erleichterung und die Vorfreude auf das Mittagessen steht den Nachfolgern Menno Simons ins Gesicht geschrieben. "Wißt ihr schon, wo ihr Mahl haltet? Habt ihr schon Quartier für die Nacht?" Mehrere Familien laden uns ein zu bleiben. Sie respektieren unseren Wunsch zu gehen. Nicht ohne uns zuvor mit Orangen aus eigenem Anbau und mennonitischen Schriften einzudecken. Darauf gründet der Prediger die Hoffnung, daß die beiden aus "Ditschland" doch noch auf den "rechten Weg" finden werden. "Vielleicht sehen wir uns im Himmel wieder", verabschiedet er sich.
- Datum 14.04.1995 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16/1995
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