WANN GEHT DER FISCH AUS?
Die Kanonenboote drehen bei. Die Schlacht um den Fisch im Nordatlantik wurde am Verhandlungstisch in Brüssel entschieden. Der Schwarze Heilbutt ist verteilt.
Sechs Wochen lang stritten Spanier und Kanadier um die Fangrechte vor Neufundland. Nun sollen Europäer und Kanadier sich den Heilbutt teilen. Fischwächter werden zukünftig wie Lotsen an Bord der Trawler steigen, und ein Drittel der Flotte jeder Nation wird per Satellit geortet. "Recht und Gesetz auf hoher See", erklärt die Fischerei-Kommissarin der Europäischen Union, Emma Bonino, "sind wiederhergestellt."
Für einen kurzen Moment. "Genickschuß", nennen die Bootseigner in der spanischen Hafenstadt Vigo den Kompromiß und künden "zivilen Ungehorsam" an.
Der Krieg um den Fisch geht weiter. Die nächste Seeschlacht könnte vor Nordafrika geschlagen werden. Am 1. Mai läuft der Vertrag mit Marokko aus. 700 spanische Schiffe gehen dort auf Fang. Die Hälfte wollen die Marokkaner dann nach Spanien zurückschicken.
Der Fischereistreit zwischen Spanien und Kanada war nicht der erste seiner Art. 1972 begann Island einen Kabeljaukrieg mit Großbritannien, als es seine Fischereigrenze auf zunächst fünfzig Seemeilen ausweitete. Spanien führte in den vergangenen Jahren mehrere Thunfischschlachten gegen Frankreich und Italien; 1994 starb ein baskischer Fischer durch eine französische Kugel. Im selben Jahr brachte Kanada einen Trawler unter panamesischer Flagge auf. Im nördlichen Pazifik tobt ein Krebskrieg, im Ochotskischen Meer kam es zu einem Seelachsscharmützel.
Der Fisch wird knapp, und das auf allen Weltmeeren. Nach Berechnungen der FAO - die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft - erreichten die globalen Fangmengen 1989 ihren Höchststand. Seitdem stagnieren sie oder gehen leicht zurück.
Jahrzehntelang war immer mehr aus dem Wasser gezogen worden. Landete man 1950 noch 20 Millionen Tonnen an, so waren es 1989 ganze 86 Millionen Tonnen. Jetzt sind vier der siebzehn wichtigsten Fangregionen der Erde so erschöpft, daß sich die Fischerei kaum noch lohnt. In neun weiteren Regionen findet sich immer weniger in den Netzen. Alles in allem sind etwa siebzig Prozent der Bestände überfischt. Die übrigen werden es vielleicht auch bald sein, denn es gibt zu viele und zu effektive Fischer. Rund eine Million größere und zwei Millionen kleinere Schiffe befahren Meere und Küsten. Etwa die Hälfte wäre ausreichend. Und bislang gibt es auf der Erde keine Instanz, die den Raubbau stoppen könnte.
- Datum 21.04.1995 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17/1995
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