Die Märkte spielen verrückt
Schon vor dem Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs war in Washington alles gelaufen.Die hochkarätige Runde hatte sich bei der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) am Dienstag noch nicht einmal versammelt, da sprach Michel Camdessus, Geschäftsführender Direktor des IWF, nur noch in der Vergangenheitsform von der Chance, die Devisenmärkte zu stabilisieren: "Wir haben eine gute Gelegenheit verpaßt, den Fall des Dollars zu verhindern oder zumindest zu bremsen: Wenn Amerik a seine Zinsen angehoben hätte, als Deutschland und Japan ihre Zinsen senkten, hätte man der Welt einen guten Dienst erwiesen." Bundesfinanzminister Theo Waigel konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Amerikanern die Leviten zu lesen: "Die Wechselkurse sind das zentrale Thema, weil der schwache Dollar den Aufschwung gefährdet."Doch gleichzeitig kritisierte Waigel Forderungen nach einer engeren Zusammenarbeit der G-7, des Clubs der großen Industriestaaten, um die amerikanische Währung zu stützen: Das könne nicht Aufgabe der Siebenergruppe sein.Richtigerweise hätte er allerdings sagen müssen, daß die ame rikanische Regierung sich zu keiner gemeinsamen Initiative verpflichten konnte.Denn die "glaubwürdige Ankündigung, das Budget- und Außenhandelsdefizit zu verringern", die auch Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer in Washington einforderte, hätte der amerikanische Finanzminister Robert Rubin beim besten Willen nicht abgeben können.Der republikanisch dominierte Kongreß läßt der Exekutive einfach keinen Spielraum dafür.Alles andere aber, etwa koordinierte Stützungskäufe der Notenbanken, wäre nur der Versuch gewesen, "an Symptomen zu kurieren und das Fieberthermometer anzuhalten", so Tietmeyer. Das Treffen in Washington war symptomatisch.Regierungen und Notenbanken sind zögerlich geworden, wenn es darum geht, sich mit den Märkten anzulegen.Aus gutem Grund.In den vergangenen Jahren mußten sie einige empfindliche Niederlagen einstecken: 1992/1993 wurden erst die italienische Lira und das britische Pfund aus dem Europäischen Währungssystem gedrängt, dann brach der gesamte Währungsverbund auseinander und konnte nur notdürftig geflickt werden; Anfang des Jahres mußte Mexiko, das s ich bereits im Kreise der Industrieländer angekommen wähnte, nach einem brutalen Absturz der eigenen Währung alle Illusionen aufgeben; und nun wird seit einigen Wochen der Dollar auf stets neue historische Tiefstände gedrückt. Weil sie in den vergangenen Jahren meist verloren haben, suchen Notenbanken und Finanzminister die offene Konfrontation mit den Devisenspekulanten nicht mehr.Kurzatmige Aktionen, hier ein Zinsschritt, da eine Absichtserklärung, dort eine abgestimmte Intervention der Zentralbanken - zu oft sind solche Vorstöße wirkungslos verpufft, als daß man sich noch große Erfolgsaussichten ausrechnen könnte.Das einzige, das möglicherweise wirken würde, wäre eine glaubwürdige Neuausrichtung der Wirtschafts- un d Finanzpolitik in den Ländern, deren Währungen unter Druck geraten.Doch eine solche Wende mögen die Verantwortlichen nicht angehen.Trotz aller Warnungen des IWF, das amerikanische Haushaltsdefizit werde in den kommenden Jahren wieder steigen, konnte n sich die Politiker in Washington seit dem Sieg der Republikaner bei den Kongreßwahlen nur zu einem nennenswerten Schritt in der Finanzpolitik durchringen - ausgerechnet einer Steuersenkung, die das Schuldenproblem nur noch verschlimmern wird. Diejenigen, die wie etwa der japanische Finanzminister als Ersatzlösung Zielzonen für die großen Währungen festlegen wollen, verwechseln das erwünschte Ziel mit dem Weg dorthin: Wie soll man die Märkte dazu bringen, die großen Währungen nur noch innerhalb bestimmter Bandbreiten schwanken zu lassen?Und welche Notenbank und Regierung wäre bereit, ihre heimische Konjunkturpolitik dem Ziel unterzuordnen, daß die Währungskurse sich nicht von den vereinbarten Werten entfernen?Die Bundesbank je denfalls nicht, deren Präsident Tietmeyer ein ums andere Mal wiederholt: "Wir haben kein Währungsziel." Es wäre auch niemandem damit gedient, wenn die deutsche Zentralbank ihre Zinspolitik plötzlich nicht mehr an der Preisentwicklung, sondern an Kursen von Dollar und Yen ausrichten würde.Das würde Konjunktur und Preisstabilität in Mitleidenschaft ziehen, und letztlich wären die Wechselkurse dennoch nicht zu zügeln. So schwer es auch fällt, sich daran zu gewöhnen: Notenbanken und Regierungen beherrschen die deregulierten Finanzmärkte nicht mehr.Das tut weh: "Die Kontrolle des eigenen Geldes und der eigenen Armee waren immer schon die Symbole nationaler Souveränität", schreibt der amerikanische Finanzpublizist Gregory Millman in einem gerade erschienenen, bestsellerverdächtigen Buch über Devisenspekulanten ("The Vandals' Crown"). Nicht nur, daß die klassischen Methoden der Marktlenkung nicht mehr funktionieren: Die Währungshüter sind hinsichtlich der Ursachen der Dollarkrise ebenso ratlos wie das breite Publikum.Ein Experte des Währungsfonds etwa meint, das amerikanische Haushalts- und Handelsbilanzdefizit, die Mexiko-Krise, die zu niedrigen US-Zinsen spielten zwar eine Rolle, könnten aber nicht erklären, warum der Dollar gerade in den vergangenen Wochen so billig wurde wie noch nie."Wir verstehen noch nicht, wel che Kräfte da am Werke sind", räumt der Beamte ein. Dabei haben die Herren des Geldes die Kräfte selbst entfesselt, über deren Toben sie sich nun wundern: Die siebziger und achtziger Jahre standen ganz im Zeichen einer Öffnung der Kapitalmärkte.Zins- und Devisenkontrollen wurden abgeschafft, ausländische Konkurrenten und immer neue Produkte auf den heimischen Finanzmärkten zugelassen.Im Ergebnis wuchs beispielsweise der Bestand internationaler Kredite zwischen 1973 und 1993 von 175 Milliarden Dollar auf 3,6 Billionen - von fünf Prozent der Wirtschaftsleistung aller Industrieländer auf neunzehn Prozent. Uneigennützig war dieser politische Wandel nicht: Regierungen und Volkswirtschaften, die über ihre Verhältnisse lebten, dürsteten nach neuem Kapital, um ihre unzureichenden heimischen Ersparnisse zu ergänzen.Deshalb mußten die Schleusen geöffnet werden.Der Nettokapitalzufluß in die Vereinigten Staaten erhöhte sich von zwei Milliarden Dollar jährlich Anfang der siebziger Jahre auf 140 Milliarden Ende der achtziger; heute liegt er bei rund 65 Milliarden Dollar pro Jahr.Und auch Deutschland wurde im Gefolge der kostspieligen Wiedervereinigung vom Kapitalexporteur zum -importeur.Das Ausland hält heute nicht mehr fünf Prozent der staatlichen Schulden, sondern bereits vierzig Prozent - glücklicherweise scheint das den Märkten noch rel ativ gleichgültig zu sein. Mit den stark anschwellenden Kapitalströmen gingen umfangreichere Devisentransaktionen einher.Sie liegen zum weit überwiegenden Teil nicht in der Hand offizieller Institutionen und werden auch nicht mehr allein von den Banken kontrolliert.Zu den wichtigsten Spielern zählen heute Versicherungen, Pensions- und Investmentfonds. Erstaunlich ist eigentlich nicht die gewachsene Macht der privaten Devisenhändler, sondern die Tatsache, daß viele Politiker, die diese Verschiebung im Kräftespiel selber herbeigeführt haben, heute gegen diese Macht wettern.Sie hätten es zumindest zum Teil in der Hand, das große Rad wieder etwas zu verkleinern: wenn sie ihren Durst auf ausländisches Kapital einschränkten. Solange dies nicht geschieht, wachen die Anleger verständlicherweise mit Argusaugen über den Wert ihrer Forderungen: "Staaten, die ihre Währungen inflationieren, gewinnen nichts mehr: Die Disziplin des Marktes reduziert den Kurs sofort auf einen angemessenen Wert", schreibt Millman. Ob die Marktkurse allerdings angemessen sind, ist die große Frage."Die Märkte spielen in jüngster Zeit verrückt", meint IWF-Chefvolkswirt Michael Mussa kurz und bündig.Er fürchtet, daß die Unterbewertung des Dollars "ein Negativsummenspiel für die Weltwirtschaft ist", weil die Exporte einiger europäischer Länder behindert würden und die Investitionsbereitschaft leide.Doch auch der Währungsfonds tut sich schwer damit, die Folgen des niedrigen Dollars beispielsweise für Deutschland zu quantifi zieren.So kommt er in seinem neuen World Economic Outlook für Deutschland zu einer Wachstumsprognose von 3,2 Prozent, trotz eines angenommenen Dollarkurses von 1,41 Mark, der also nicht wesentlich über dem bisherigen Tiefstand von 1,35 Mark liegt.W enn trotzdem die deutsche Wirtschaftsleistung noch um über drei Prozent zulegen könnte, bräuchte man sich keine allzu großen Sorgen zu machen.Bei den Volkswirten des Fonds kamen deshalb Zweifel an der eigenen Prognose auf. Keine Zweifel hat der IWF an der eigenen Rolle, die im Rahmen der Diskussion über die Internationalen Finanzinstitutionen zur Debatte steht.Tatsächlich könnte die Zusammenarbeit der Industrieländer im Währungsfonds verbessert werden, selbst wenn die Finanzmärkte sich nicht durch Zielzonen für die großen Währungen oder Spekulationssteuern disziplinieren lassen.Das Schlüsselwort lautet surveillance - Überwachung.Obwohl es zu den Kernaufgaben des IWF gehört, Wirtschaft und Finanzen seiner Mitgliede r nicht aus dem Auge zu lassen, ist hier in den vergangenen Jahren geschlampt worden.Der IWF gefällt sich mittlerweile stärker in der Rolle des langfristigen Finanziers, sei es für Entwicklungsländer oder Rußland.In Deutschland fordern nicht nur Puri sten in der Bundesbank, sondern auch entwicklungspolitische Organisationen, der Fonds solle sich aus diesem Geschäft wieder zurückziehen und es der Weltbank überlassen.Doch der IWF denkt gar nicht daran: Die Entwicklungsfinanzierung ist zur Existenzg rundlage der Washingtoner Bürokratie geworden. Wie dringend es für den IWF wäre, seine Überwachungsaufgabe wieder ernster zu nehmen, zeigt das Beispiel Mexiko.Kritiker in der Bundesbank, aber selbst Beamte des IWF räumen - nichtöffentlich - ein, daß die Krise absehbar gewesen wäre, wenn die eigenen Experten sich nicht von den geschönten Angaben der mexikanischen Regierung hätten in die Irre führen lassen. Hier will man Abhilfe schaffen.Ab sofort sollen die Informationspflichten aller Länder gegenüber dem IWF eindeutiger und straffer gefaßt werden.Die Idee, eine Liste mit den schwarzen Schafen zu veröffentlichen, die mit wesentlichen Daten zu ihrer Wirtschaftslage hinter dem Berg halten, wurde aber wieder verworfen.Dagegen wird noch überlegt, einen allgemeinen Kodex zu formulieren, der allen Fondsmitgliedern vorgibt, welche Informationen von Regierung und Notenbank regelmäßig auch der Öffent lichkeit zugänglich gemacht werden müssen. Michel Camdessus will außerdem den IWF von den Informationen der Behörden unabhängiger machen.Ihm schweben regelmäßige Treffen zwischen Fondsexperten und Bankenvertretern vor.Schließlich diskutieren die Exekutivdirektoren des IWF noch über die Möglichkeit, die regelmäßigen vertraulichen Konsultationen mit den Mitgliedsregierungen publik zu machen - als Druckmittel, um eine stabilitätskonforme Politik und letztlich stabilere Wechselkurse zu erreichen. Allzuviel sollte sich aber niemand davon versprechen.Ein Land, das die Mahnungen und Warnungen des Fonds mit größter Selbstverständlichkeit in den Wind schlägt, fordert dennoch seit Jahren die Veröffentlichung der Konsultationen: die Vereinigten Staaten.
- Datum 28.04.1995 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 18/1995
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