Warschau

Die polnische Verstimmung wegen der deutschen Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Kriegsendes ist - mehr schlecht als recht - behoben worden: Statt des Staatspräsidenten wird nun der Außenminister aus Polen sprechen. Allerdings nicht gemeinsam mit den Vertretern der Siegermächte am 8. Mai in der neuen Metropole Berlin, sondern als einziger ausländischer Gast vor der Bundesversammlung am 28. April in der alten Hauptstadt Bonn. Das Kanzleramt vermag offensichtlich nur unsensibel mit dem Nachbarn Polen umzugehen.

Doch in diesem Fall übertölpelte den Kanzler die Ironie der Geschichte. Was als Kompromiß gedacht war, erweist sich als ein Glücksfall für die deutsch-polnische Öffentlichkeit: Kaum jemand dürfte wie Wladyslaw Bartoszewski geeignet und berechtigt sein, fünfzig Jahre nach den deutschen Verbrechen an Polen über Annäherung und Aussöhnung zwischen beiden Völkern zu reflektieren.

Als Häftling Nummer 4427 saß der damals Achtzehnjährige knapp sieben Monate im KZ Auschwitz, bevor er durch Vermittlung des Polnischen Roten Kreuzes im April 1941 freigelassen wurde. Als Mitglied des polnischen Untergrundstaates organisierte er Hilfe für jüdische Mitbürger, obwohl darauf im Generalgouvernement die Todesstrafe stand. Schließlich nahm er am Warschauer Aufstand im Sommer 1944 teil, konnte sich der Gefangennahme nach der Kapitulation aber nur durch eine List entziehen.

Bartoszewski hat viel unter deutscher Terrorherrschaft gelitten, und er hat noch mehr Leid bei anderen gesehen. Im ersten Moment reagierte er deswegen recht verhalten, als sich die polnischen Bischöfe im Jahr 1965 mit dem inzwischen berühmten Appell "Wir vergeben und bitten um Vergebung" an ihre deutschen Amtskollegen wandten. Doch ein Besuch in der Bundesrepublik im selben Jahr, unerwartete Begegnungen und Freundschaften haben aus ihm einen Vorreiter deutsch-polnischer Annäherung werden lassen. Auch wenn er sich in Hunderten von Publikationen der Beschreibung des Alltags im Zweiten Weltkrieg widmete, sitzt er nicht im Elfenbeinturm des Wissenschaftlers, sondern agiert auf der politischen Bühne.

Als "einmalige Erscheinung in unserem Nachkriegsleben" hat der Schriftsteller Stanislaw Lem seinen spät gewonnenen Freund einmal beschrieben. Im Unterschied nämlich zu Intellektuellen wie dem Philosophen Leszek Kolakowski oder dem Schriftsteller Andrzej Szczypiorski hat Bartoszewski seine weltanschaulich-politische Position niemals gewechselt. Auch kurzfristig konnte ihn der Kommunismus nicht faszinieren. Weil für ihn, wie er selbst betont, "christlichabendländische Werte" wie Freiheit, Menschenrechte und Achtung der menschlichen Würde als Kanon verbindlich und nicht "dialektisch" interpretierbar waren, wurde aus dem Antifaschisten des Zweiten Weltkriegs in der Folgezeit ein Antikommunist.

In Polen war dies keine Beschimpfung für Intoleranz, sondern die Auszeichnung für eine ehrenwerte und mutige Haltung, für die man zu zahlen hatte: Zweimal saß Bartoszewski wegen angeblicher Spionage Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre im Gefängnis, und bei Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 holte ihn die Sicherheitspolizei noch einmal für mehrere Monate, so daß der "Berufswiderständler" seinen 60. Geburtstag im Internierungslager beging: "Pullover, warme Wäsche, das braucht man. Kein Geld, nur einen Kamm, eine Zahnbürste, fertig." Das letzte, was man Bartoszewski nachsagen könnte, wäre ein Hang zum Märtyrertum oder zur Sentimentalität.