Die transatlantische Kameradschaft
Deutsche und amerikanische Rechtsextremisten haben viele Bande über den Atlantik geknüpft. So versuchte die älteste fremdenfeindliche und antisemitische Organisation der USA, der Ku-Klux-Klan, zu Beginn der neunziger Jahre massiv in Deutschland Anhänger zu werben. Nicht ohne Erfolg: Am 26. Mai 1992 stürmten Beamte der Mobilen Einsatzkommandos 24 Wohnungen in mehreren Bundesländern und nahmen deutsche Klan-Anhänger fest. Bis heute wird vor allem in Skinhead-Magazinen für den "Klan" geworben, doch "bis auf Einzelkontakte", so ein Mitarbeiter deutscher Sicherheitsbehörden, "läuft da im Moment nichts mehr". Ein Ermittler der amerikanischen Bundespolizei FBI berichtet dagegen, daß Informationen über ein Treffen deutscher und amerikanischer Neonazis in der Nähe von Köln an die deutschen Behörden weitergeleitet wurden. Dabei sei es um die Planung von Anschlägen gegangen. Ihm sei aber keine Reaktion des Bundeskriminalamtes auf die Hinweise bekannt.
Einen ersten Höhepunkt deutsch-amerikanischer Neonazi-Kooperation hatte es im Herbst 1976 gegeben. Der "Grand Wizard" des Klans, David Duke, hatte die World Nationalist Conference organisiert und unter dem Beifall der deutschen Gäste gefordert, die Hitler-Regierung zu rehabilitieren und alle NS-Kriegsverbrecher freizulassen. Unter den Zuhörern fand sich auch Manfred Roeder, dessen Deutsche Aktionsgruppe 1980 in Hamburg zwei Vietnamesen ermordet hatte. In einer Zeitschrift der amerikanischen NS-Bewegung wurde der zu dreizehn Jahren Haft verurteilte Roeder als "arischer Führer Europas" gefeiert.
David Duke reiste 1986 nach Österreich, um Deutsch zu lernen. Mit deutschen und österreichischen Gesinnungsgefährten besuchte Duke das KZ Sachsenhausen, dessen Gaskammern er als "Entlausungsanstalten" bezeichnete. 1989 wechselte der überzeugte Nationalsozialist zu den Republikanern. Dukes deutscher Kamerad Manfred Roeder fand nach der vorzeitigen Haftentlassung schnell einen neuen Ansprechpartner in den USA. Zusammen mit britischen Neonazis und dem Amerikaner Alexi Erlanger gründete er die Teutonic Unity, die "das jüdisch dominierte Amerika als größte Gefahr der ganzen Menschheit" bezeichnet.
Auch William Pierce, Autor der "Turner Tagebücher", die möglicherweise die Vorlage für das Massaker von Oklahoma lieferten, hat Kontakte zur deutschen Neonaziszene. Pierce ruft über einen in Europa zu empfangenen Kurzwellensender Rechtsextremisten in Deutschland zu Aktionen auf und läßt die Anhänger seiner National Alliance vor der deutschen Botschaft in Washington demonstrieren, wenn das Bonner Innenministerium eine Neonazigruppe verbietet.
"Natürlich haben die ihre Leute in Deutschland", bestätigt ein Mitarbeiter des FBI die Verbindung. In der Zeitschrift der National Alliance werden Artikel deutscher Organisationen übernommen, mit Nennung der Kontaktadressen. Eine gerngesehene Publikation ist vor allem bei deutschen Skinheads die Zeitung W.A.R., Organ der OrganisationWhite Aryan Resistance. Berichte über Neonazi-Aktivitäten im "Reich" gehören ebenso zu den bevorzugten Themen wie Portraits rechtsextremistischer Führer in "former Hitler-Country". Der Chef der White Aryan Resistance, Tom Metzger, einst der Klan-Führer von Kalifornien, gewinnt Jugendliche vor allem mit paramilitärischen Aktivitäten. Sein Handbuch für Terrorismus und Guerillataktik ("The Anarchist Cookbook") ist inzwischen über das weltweite Computernetz von jedem Computer zwischen Flensburg und Konstanz abrufbar. Die Propagandafilme seiner Organisation zur "Rassenlehre" werden über 48 Kabelnetze in dreizehn US-Bundesstaaten verbreitet und als Video über dänische Versandhändler von deutschen Gruppen bestellt.
Der in Lincoln, Nebraska, hergestellte NS-Kampfruf der NSDAP-Aufbau- und Auslandsorganisation (NSDAP-AO) ist seit Anfang der achtziger Jahre eine der wichtigsten Publikationen der deutschen Neonazis. Am 23. März dieses Jahres durchsuchten Polizeibeamte im gesamten Bundesgebiet die Wohnungen von Abonnenten des NS-Kampfruf. Jahrelange Ermittlungen waren nötig gewesen, um die Bezieher der Zeitungen ausfindig zu machen. Denn die braune Ware - darunter Aufkleber mit dem Slogan "Wir sind wieder da" und "Kauft nicht bei Juden" - kam in Kartons mit gefälschten Absendern renommierter US-Firmen. Den Abonnenten drohen jetzt bis zu fünf Jahre Haft wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung; im NS-Kampfruf wurden auch detaillierte Anleitungen für Mordanschläge gedruckt.
Zu den deutschen Kontaktleuten der NSDAP-AO rechnet der Verfassungsschutz unter anderen den Hamburger Neonazi Christian Worch, den Führer der im Frühjahr verbotenen Nationalen Liste. Worchs Vorgänger Michael Kühnen hatte die 1972 gegründete NSDAP-AO Mitte der siebziger Jahre zusammen mit dem ehemaligen Auschwitz-Wächter Thies Christophersen zur wichtigsten internationalen Kontaktstelle des deutschen Rechtsextremismus gemacht. Inzwischen gibt die Organisation den NS-Kampfruf in zehn Sprachen heraus. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hofft auf die Auslieferung des amerikanischen Aktivisten der NSDAP-AO, Gary Lauck, der mit einem internationalen Haftbefehl vor zwei Monaten in Dänemark festgenommen wurde.
An vielen Kiosken ist die Zeitschrift Code erhältlich, die vom Verfassungsschutz als "rechtsextrem" eingestuft wird. In Code werden das "Tagebuch der Anne Frank" als Fälschung bezeichnet und die deutsche Kriegsschuld als jüdische Propaganda dargestellt. Das Blatt aus dem Diagnosen Verlag betont, daß es in enger Kooperation mit dem amerikanischen Spotlight entsteht, einem extrem antisemitischen Magazin mit einer Auflage von fast 100 000 Exemplaren.
Die geistigen Väter des Neonationalsozialismus haben sich - ebenfalls aus strafrechtlichen Gründen - in Kalifornien zu einer illustren Gruppe zusammengefunden. Dem Kreis der Auschwitz-Leugner im Institute for Historical Review rechnet der ehemalige Leiter des Staatsschutzes in den Neuen Bundesländern, Bernd Wagner, auch den Hamburger Rechtsanwalt Jürgen Rieger zu, außerdem dessen Mandanten, den nach Dänemark geflohenen Autor der Schrift "Auschwitz-Lüge", Thies Christophersen. Neben zwei weiteren deutschen Rechtsextremisten, beide Publizisten, gehören dem "Institut" alle bedeutenden Revisionisten wie der britische Holocaust-Leugner David Irving und seine amerikanische Entsprechung, Fred Leuchter, an.
Inzwischen haben sich auch die juristischen Berater krimineller Neonazis zusammengefunden. Über die Hilfsgemeinschaft für Nationale Gefangene (HNG) in Mainz wurde der Kontakt zur amerikanischen Cause Foundation hergestellt. Cause sieht sich selbst als "Rechtsstiftung national gesinnter Gruppen" und schickte den Vorsitzenden Kirk Lyons bereits zweimal nach Deutschland, um die Kontakte zu ähnlichen deutschen Gruppen zu pflegen. In der sogenannten "Gefangenenliste" der HNG wünschen sich regelmäßig rechtsextreme Häftlinge aus Ohio oder Oregon Kontakt zu deutschen "Kameraden". Der Rechtskampf, ein juristischer Ratgeber vom Verwenden verfassungswidriger Kennzeichen bis zur strafrechtlich nicht verwertbaren Umschreibung der "Auschwitz- Lüge", vermittelt Kontakte zu mehreren amerikanischen Gruppen.
- Datum 05.05.1995 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19/1995
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