Neulich trat ich an die Kasse meines Supermarktes, und dann ging alles sehr schnell. "Zwölf Mark und fünfundzwanzig", sagte die Kassiererin, ich kramte nach Kleingeld, da hörte ich von der Nachbarkasse her: "Zwölf Mark fünfundzwanzig bitte", und ein ganz anderer Mensch begann zu kramen. Zufall, sagen Sie. Mir aber wollte das Herz zerspringen.

Ein Ding der Unmöglichkeit, und es soll nichts bedeuten? Da lebt man dahin unter dem Geräusch der Welt, und plötzlich reimt es sich. Wer reimt? Sie lachen. Sie kennen Kammerer nicht. Paul Kammerer, 1881-1926, Österreicher, Biologe und Zufallsforscher. Tag für Tag verbrachte er auf der Suche nach den kleinen Wundern des Zusammentreffens, nach Koinzidenzen, wie wir Experten sagen. Über jeden Fund führte er penibel Buch. Zum Beispiel: "22.a) Meine Frau hat im Roman ,Michael` von Herman Bang über Frau Rohan gelesen; dann in der Stadtbahn einen ihr unbekannten Herrn gesehen, der dem ihr befreundeten Fürsten Rohan ähnlich sah; abends kam Fürst Rohan zu Besuch."

Zufall? Wer's glaubt, bewahrt sich die Nachtruhe. Kammerer machte weiter. Sammelte unermüdlich, hockte in Straßenbahnen und Parkanlagen, beobachtete das Auftreten von Regenschirmen, Veilchensträußen und Joppen mit abgerissenen Knöpfen. Die Ergebnisse trug er in endlose Tabellen ein. Nach zwanzig Jahren fand er seinen Argwohn bestätigt: Die Dinge häufen sich zusehends. Man könnte sagen: Sie rotten sich zusammen. Alles nachzulesen in seinem 1919 erschienenen Buch "Das Gesetz der Serie". Nachdem er's geschrieben hatte, lebte Kammerer noch wenige Jahre, dann beging er Selbstmord.

Ich kann das gut begreifen.

Nicht umsonst habe ich mehr als ein Jahr lang geschwiegen. Es war ein sonniger Tag gewesen, damals. Abends hockte ich mich vor die Glotze, um noch ein wenig durch die Programme zu strolchen. Schon flackerte ein bunter Spielfilm. Weitläufiges Parkgelände, Buden, Zelte, aus Lautsprechern die Stimme eines Auktionators: "Achtzigtausend Pfund!" quakte er in einem fort, "achtzigtausend Pfund sind geboten!" Wie von ungefähr schaltete ich weiter, irgendein Schwarzweißfilm, ein kleiner dicker Mann trat ans Fenster und sagte fassungslos: "Was? Achtzigtausend Pfund?"

Ich weiß nicht, ob ich je wieder ein normales Leben führen kann. Mit knapper Not fand ich zum vorherigen Kanal zurück. Die Versteigerung war in vollem Gang. Schnell wieder zum Schwarzweißfilm. Eine Erbschaft von achtzigtausend Pfund, wie sich zeigte. Da wurde mir eisig kalt ums Herz, und ich notierte für alle Fälle die Uhrzeit: Siehe, es war 23.17 Uhr, man schrieb den 9. Dezember 1993. Der Programmzeitschrift entnahm ich, daß auf RTL 2 "Das Mädchen auf der Schaukel" ausgestrahlt wurde, auf Arte hingegen "Zeugin der Anklage" von Billy Wilder.

Soviel zur Welt der Tatsachen, aber ich muß sagen, daß diese Welt mir ziemlich gleichgültig geworden ist. Tag für Tag sitze ich vor den Grundfesten des Abendlandes, und ich sehe sie nicht mehr. Früher waren die Dinge uns untertan, ein jedes an seinem Ort; es gab den einen Film, und es gab den anderen Film. Heute gibt es von allem zuviel. Milliarden von Filmen, bald von 500 Sendern zugleich ausgestrahlt: eine Ursuppe, aus der womöglich gerade neues Leben entsteht. Kaum drehen wir den Dingen den Rücken zu, fangen sie schon an, miteinander zu sprechen. Wir verstehen es nicht. Geht es uns etwas an?

Wir können nur warten. Eines Tages stehen Sie vom Fernseher auf, und auf dem Weg zum Klo knallen Sie gegen die Stehlampe. "Idiot", sagt John Wayne durch die Zähne. "Das kann doch jedem passieren!" erwidert im Sender nebenan Ilona Christen, während auf 3Sat Helge Schneider losprustet: "Aber nicht jeder macht so ein doofes Gesicht dabei!" Und auf hundert Kanälen lachen sie Tränen. Zufall.