Mein Name sei Schwerte

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Der sonderbarste Fall, der sich vielleicht, seitdem deutsche Täter und Mittäter ihrer Vergangenheit entrinnen wollen, jemals zugetragen hat, ist die Geschichte des Hauptsturmführers der SS Dr. Hans Ernst Schneider, der, 1909 in Königsberg geboren und 1935 mit einer Arbeit über "Turgenjew und die deutsche Literatur" promoviert, bis zum Leiter der "Zentralstelle des Germanischen Wissenschaftseinsatzes" in Heinrich Himmlers "Ahnenerbe" aufstieg und, nachdem halb Europa einschließlich des Ahnenerbes in Schutt und Asche lag, sich im April 1945 von Berlin nach Lübeck durchschlug, dort den Namen Hans Schwerte annahm, seine Frau noch einmal heiratete, noch einmal in Germanistik pr omovierte, sich in Erlangen mit einer oft und mit Recht als der Beginn einer kritischen Germanistik gerühmten Arbeit über "Faust und das Faustische - Ein Kapitel deutscher Ideologie" habilitierte, später Rektor der Technischen Hochschule in Aac hen, nach seiner Emeritierung ihr Ehrensenator wurde und (Gipfel der Verwegenheit oder Vergeßlichkeit) als Beauftragter der nordrhein-westfälischen Landesregierung für den Wissenschaftsaustausch mit Belgien und den Niederlanden zusammen mit Joh annes Rau von der Königin in Den Haag empfangen wurde, wo er schon einmal als SS-Mann gewesen war, und der sein Geheimnis am liebsten mit ins Grab genommen hätte, wäre es nicht vor zwei Jahren von einem Anonymus und jetzt im April vom niederländischen Fernsehen entschlüsselt worden, weshalb er die Flucht nach vorn ergriff und in einem Brief an den Kanzler der Hochschule sich lakonisch entdeckte. Das geschah vor zwei Wochen. Seitdem ist viel geschehen.

So könnte man die Geschichte erzählen. "Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung. (. . .) Ich stelle mir vor: Ein Mann hat einen Unfall, es besteht die Gefahr, daß er sein Augenlicht verliert. Er liegt im Hospital mit verbundenen Augen lange Zeit. Eines Morgens wird der Verband gelöst, und er sieht, daß er sieht, aber er schweigt; er sagt es nicht, daß er sieht, niemand und nie. (. . .) Ich probiere Geschichten an wie Kleider! Mein Name sei Gantenbein." (Max Frisch) "Sie haben keinen alten Nazi vor sich", sagt Hans Schwerte. Wir sitzen in seinem Wohnzimmer, umgeben von Büchern, die Terrassentür ist geöffnet, und der Blick geht hinaus ins Tal, wo sich auf einem jäh emporragenden Felsblock die Feste Hohenaschau erhebt, dahinter auf den Bergen das schüttere Weiß letzten Schnees. "Als ich 1945 mit dem Fahrrad Berlin verließ, da wußte ich, du mußt ein neues Leben beginnen, es darf nie wieder so werden. Ich wollte mithelfen, ein anderes Deutschland aufzubauen, und ich sah zwei Schienen, die ein Gleis bildeten: meine neue Existenz und das neue Deutschland."

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So wurde Schneider Schwerte. Fünfzig Jahre lang habe er als Lehrer und Publizist daran mitgearbeitet, dem ewigen deutschen Irrationalismus entgegenzuwirken, dieser Verehrung des Dumpfen und Mystischen. Er sieht es jetzt wieder bei Botho Strauß und seinen Nachbetern. "Die Lehre ist mir mein Leben wert gewesen, mein Leben, das Hans Schwerte heißt und kein anderes ist." Der hochgewachsene Greis, der etwas gebeugt und unsicher geht, sitzt aufrecht in der Ecke des Sofas. Aus seinen Worten spricht manchmal die Bitterkeit eines Mannes, dem Unrecht zugefügt wird, manchmal ein allmähliches Begreifen. "Ich weiß nicht, wer Schneider ist", sagt er leise, "aber ich werde dafür geradestehen müssen."

Ansonsten sei er froh, daß der Staatsanwalt seinen Fall untersuche, dann werde sich zeigen, daß er keine Verbrechen begangen habe. Ja, er fühle sich mitschuldig am verbrecherischen System, und deshalb habe er diese radikale Wende gewählt. In seiner Dissertation zeigte Michael H. Kater 1966, daß das "Ahnenerbe" vor allem der völkischen Ideologieproduktion diente und von der NSDAP und der übrigen SS nie für voll genommen wurde. Was dort geschah, war dumm und schlimm genug. Von der bestialischen Tätigkeit des "Instituts für wehrwissenschaftliche Zweckforschung", wo Menschenversuche gemacht wurden, scheint Schneider nichts gewußt zu haben, und er hatte, ausweislich der Akten in der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von Naziverbrechen, nichts damit zu tun. Die Akten enthalten auch keinen Hinweis auf eine Beteiligung an Mordtaten.

Mein Name sei Schwerte. "Daß ich entdeckt werden könnte, daran habe ich kaum gedacht." In Max Frischs Roman spielt Gantenbein den Blinden manchesmal so schlecht, daß die Enttarnung unvermeidlich scheint. Er erfährt, wie geringer Kunstfertigkeit es bedarf, um Täuschung zu bewirken. Und die Pointe besteht darin, daß dem Täuschenden sein Leben besser gelingt und glaubhafter wird als zuvor.

Es spricht manches dafür, daß Hans Schwerte deshalb als ein überzeugter und überzeugender Liberaler wirkte, weil sein neues Leben auf Täuschung beruhte. Die Kehrtwende war radikaler, als Schneider sie je hätte leisten können. Die Täuschung war so echt, daß er selber ihr Opfer wurde. Daher erklärt sich seine anfängliche Empörung über die öffentliche Empörung. Die Verdächtigungen galten Schneider. Er aber heißt Schwerte.

In der Philosophischen Fakultät Aachen herrschen unterdessen Panik und Entsetzen. Ausgerechnet Schwerte, der erste und bislang einzige Rektor, den die Philosophische Fakultät je gestellt hat, ausgerechnet der Mann, der in den heißen Jahren der Studentenrevolte und der Hochschulreform die produktive Verbindung von neuem Linksradikalismus und altem Liberalismus verkörperte, den die konservativen Professoren haßten, die Studenten respektierten und oft gar verehrten, ein Mann von Haltung und Format. Schwertes Kombattanten von einst, alt gewordene Achtundsechziger, sehen bedrückt und beklommen, wie die Symbolfigur des Aufbruchs und damit sie selber in einen zähen Sumpf gezogen werden.

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