Brüssel

Gibt es ein paradoxeres Land als Belgien? Da erschüttern Bestechung und Betrug die Parteien, hat die Regierung Rekordschulden und hohe Arbeitslosigkeit zu verantworten, ist die gewaltige Steuerlast ein Ärgernis für jedermann, wächst der Unmut bis zum Verdruß - und dann lassen die Wähler alles beim alten.

Nicht weniger als sechs nationale und regionale Versammlungen hatten die Belgier am Sonntag zu wählen, an erster Stelle ihr Parlament. Viele Politiker zitterten vor dem Verdikt an den Urnen, und dann das: Die skandalgeschüttelten Sozialisten gewannen Stimmen dazu, die angekündigte Springflut von rechts blieb zum Glück aus; statt dessen wurde das schwarzrote Regierungsbündnis bestätigt.

Keine Spur also von den erwarteten Umwälzungen, keine Strafaktion und kein Protest, sondern verblüffende Stabilität in einem Land, von dem viele zu wissen glauben, daß es über kurz oder lang an seinen inneren Widersprüchen zerbrechen wird.

Den Belgiern und ihren europäischen Nachbarn bleibt damit auf jeden Fall Jean-Luc Dehaene an der Spitze der Brüsseler Regierung erhalten, der unermüdliche Vermittler zwischen Flamen und Wallonen, zwischen rechts und links. Er hat fast vier Jahre mit derselben Regierung durchgehalten, und das war sicher für viele Wähler eine Absicherung gegen politische Risiken aller Art. Es gibt auch eine andere Deutung für die verblüffende Kontinuität: die Ratlosigkeit der Bürger. Viele würden gar nicht wählen, wenn sie nicht unter Androhung von Strafe müßten. Die wenigsten können mit den neuen föderalen Institutionen ihres Landes etwas anfangen; deren Aufbau ist ungeheuer kompliziert, die Aufteilung der Kompetenzen schier undurchschaubar.

Die Kaste der Politiker ist im Ansehen der Bürger tief gesunken; alles traut man ihnen zu außer gutem Willen. Aber den separatistischen und nationalistischen Schreihälsen von rechtsaußen wollen dann doch nur wenige die Macht anvertrauen.

Eine paradoxe Erklärung? So paradox wie die belgischen Wähler. Am Sonntag standen sie, ohne zu murren, eine Stunde und länger in den Warteschlangen vor den Wahllokalen, um dann ihre Kreuzchen auf meterlange Wahlscheine zu machen, die kaum in die Urnen paßten. Um alles beim alten zu lassen.