Bonn

Sie spielen das alte Spiel um die Macht. Oder um das, was sie so nennen. Aber wer will das heute noch sehen? Den Machterhalt soll der Wechsel an der FDP-Spitze garantieren. Darum geht es auch in der Union. Mit den Grünen? Nur über meine Leiche! Das wäre "Kreuth von hinten" (Stoiber)! Alle müssen mit allen können (Geißler)! Oder im Zweifel alleine (Schäuble)? Zwölftonmusik klingt dagegen harmonisch.

Aber ist es nicht vielmehr so, daß nicht die Politik von oben, sondern die Republik, rund und rissig, groß und nervös, von unten darüber befindet, wer Macht haben und was damit geschehen soll? Die Bundesrepublik von heute ist nicht unregierbar, wie der konservative Topos der siebziger Jahre gegen die blühende Graswurzel-Demokratie (mit der DDR weit weg, hinter der Mauer) lautete. Sie pendelt sich oft genug selber ein.

Die FDP versucht, mit dem Wechsel an der Spitze das Heft wieder in die Hand zu bekommen. Aber was eigentlich prädestiniert Wolfgang Gerhardt zum Nachfolger von Klaus Kinkel? Ist es die exklusive Tatsache, daß er jüngst für die Liberalen eine Landtagswahl gewann? Hat er sich in seinen zehn Jahren als stellvertretender Bundesvorsitzender besonders hervorgetan? Oder ist es einfach die Unauffälligkeit des neuen Hoffnungsträgers, die jetzt zum Qualifikationsmerkmal wird?

Als profilierter Liberaler hat sich Wolfgang Gerhardt bislang nicht zu erkennen gegeben. Da schafft auch sein Credo, die FDP sei "eine moderne Reformpartei an der Seite der Union", kaum Abhilfe. Verlust an Eigenständigkeit, so jedenfalls lautet nicht nur die nachhallende Kritik an der Amtsführung Klaus Kinkels; auch der aussichtsreiche Bewerber sah sich seinerzeit, als FDP-Landeschef und Minister im Kabinett Wallmann, gleichklingenden Vorwürfen ausgesetzt. "Unberechtigt" findet das Wolfgang Gerhardt noch heute. Auch darin wird er sich von seinem Vorgänger kaum unterscheiden.

Keine Frage, das Amt strebt er an, fast ein wenig unbändig. Am Abend von Kinkels Ankündigung, er werde auf dem Parteitag in Mainz Anfang Juni nicht mehr kandidieren, sah man Gerhardt in alle Kameras strahlen. Und schon zuvor, im Dezember 1994 in Gera, als Kinkel schon einmal vor dem Rücktritt stand, war Gerhardt mit seinem unverblümten Angebot, er stünde bereit, fast zum Königsmörder geworden. Niemand hat ihm jetzt vorgeworfen, er habe nach den verlorenen Wahlen am Rücktritt des Vorsitzenden gearbeitet. Dennoch, am vergangenen Donnerstag gab Kinkel den Weg frei, um dem Risiko einer innerparteilichen Demontage auszuweichen.

Als einzig stabiler, ja machtvoller Faktor im großen Durcheinander wirkt nun erst recht der Kanzler. Ein schöner Schein. Erst die Rückblende auf die Schlußrunde Adenauers macht vielleicht etwas von der Dimension der Veränderung klar, die sich im Lande vollzog. Für den Enkel sieht der Boden anders aus als für den Alten. Sein Geschäft heute ist schwerer und leichter zugleich.