Mühelos wechselt der Saxophonist von den ossetischen Tönen zu Paul Desmond und Dave Brubeck: "Take five" für den amerikanischen Gesandten. Im Parallelschwung lüpfen die Kellner die kupferfarbenen Deckel vom eleganten Service mit den türkischen Spezialitäten. Sie haben gewartet, bis der junge Mann seine Konversation übers schnurlose Telephon beendet hat. "Das ist der Enkel des Staatspräsidenten", flüstert der Tischnachbar, "ich mache Sie gleich bekannt . . ."

Baku downtown. Im Restaurant "Filarmoni-Club" speist und sonnt sich die neue Welt. Ingenieure der westlichen Ölmultis, Insider der Aserbajdschanischen Familienclans, Geschäftsleute, Glücksritter, humanitäre Helfer. Der eine sucht gerade 100 000 Tonnen Öl "für Deutschland", der andere Sozialarbeiter für Aserbajdschan: "Wir kriegen die Spannung aus den Flüchtlingslagern nur mit Beschäftigungstherapie raus", ruft er beschwörend einem westlichen Diplomaten zu.

Fliegender Start allenthalben: Im "Mugam-Club", der exquisiten Karawanserei, tafelt zur Premiere der jüngste Ortsverein der Lufthansa. Sie fliegt Baku seit Beginn dieses Monats zweimal wöchentlich an. Auch die neue Start- und Landebahn neben den Ölfeldern am Kaspischen Meer wird von einer deutschen Firma gebaut. Der weltgewandte Hausherr der Karawanserei, einer der einflußreichsten Männer des großen politischen Spiels, braucht für seine Gäste keinen Dolmetscher. Ahmad Djabbari-Hagh spricht deutsch, als ob er direkt aus dem Hamburger Rathaus käme: Er ist in der Hansestadt aufgewachsen.

An derselben Straße wie Baku, rund 600 Kilometer nordwestlich, liegt Grosnyj in Trümmern. Tiflis, kaum weiter entfernt, ist vom georgischen Banden- und Bürgerkrieg zerrüttet worden. In der einst legendären armenischen Hauptstadt Jerewan sind längst alle Witze und Lichter ausgegangen, weil Armut und Energiekatastrophe der Preis des selbstzerstörerischen Sieges im Karabachkonflikt mit Aserbajdschan waren.

Nach Tschetschenien sind die russischen Truppen mit Gewalt zurückgekehrt, in die GUS-Republiken Georgien und Armenien durch neue Stationierungsverträge. All das - wie auch Moskaus brüske Absage an den KSE-Vertrag über die Begrenzung der konventionellen Rüstung im Nordkaukasus - gehört nicht zuletzt zur potentiellen Drohkulisse gegen das alte und neue Mekka der Ölproduzenten.

Denn allein Aserbajdschan, die GUS-Republik der etwa sieben Millionen mit den Türken verwandten Aseris, ist frei von russischen Soldaten und Militärbasen. Und allein Baku blüht wieder auf in der Kaukasusregion. Zwar herrscht mitternächtliche Ausgangssperre nach kleineren Putschversuchen Moskau-freundlicher Warlords im vergangenen Oktober und in diesem März, zwar umschließen landesweite Armut und Flüchtlingselend in den Außenbezirken Bakus Stadtkern mit seinem spätkolonialen Charme - doch im Rahmen der nichtrussischen GUS-Republiken ist die 2,5-Millionen-Metropole zur Boom-Stadt Nummer eins geworden.

Das neue Wunder verdankt Baku seinem alten Reichtum, der in den Jahren der sowjetischen Mißwirtschaft schon versiegt schien: dem Öl aus dem Kaspischen Meer. Nach Golfkrieg und Zerfall der UdSSR hatten sich internationale Konzerne und das amerikanische Energieministerium auf der Suche nach preiswerten Öl- und Gasreserven für das westliche Wachstum der kaukasisch-mittelasiatischen Region zugewandt. Langjährige Verhandlungen führten schließlich zum "Vertrag des Jahrhunderts", den ein Konsortium von zwölf Firmen aus sieben Ländern unter Führung von BP/Statoil im vergangenen September in Bakus Gulistan-Palast unterzeichnete.