Die Bilder auf dieser Seite hat noch niemand gesehen, und wir haben lange überlegt, ob wir sie unseren Lesern zumuten dürfen. Wir haben, das dürfen Sie glauben, uns die Entscheidung nicht leichtgemacht, meinen aber, es der Öffentlichkeit schuldig zu sein, ihr diese ungewöhnlichen Photographien nicht länger vorzuenthalten.

Ralf Kreuels heißt der junge Kamerakünstler, der sie geschossen hat, geboren 1962 in Krefeld, heute wohnhaft in Essen. Aber was heißt in seinem Fall schon wohnhaft? Seit Jahren reist Kreuels um die Welt, immer auf der Suche nach dem Moment, in dem die Schicksale aufeinanderstoßen, in der die Zeit sich wendet und der Mensch im Wandel der Mächte steht. Der photographische Blick ist der authentische Blick, Zeugenschaft und Erkenntnis in einem. Das war schon immer das Credo großer Photographie.

Kreuels aber ist kein Poet mit der Kamera, er ist Reporter, Rechercheur. Er ist der Mann ganz vorn, der Mann, der dabei ist. Wenn es einmal hieß, "Schreib das auf, Kisch!", so könnte man hier rufen: "Drück ab, Kreuels!" Und Kreuels hat oft, sehr oft, im entscheidenden Moment abgedrückt.

Kreuels urteilt über sein Werk ohne Sentimentalität. Es ist einfach nur harte Arbeit. Und das sieht man seinen Aufnahmen auch an. Sie sind in den schwierigsten Situationen (und Positionen!) entstanden; oft konnte er den Auslöser nur mit der Zunge oder der Zehe betätigen, weil er, zum Beispiel über einer Felsspalte hängend, sich mit beiden Händen an einem schwankenden Ast festhalten oder, bei Aufnahmen in Afrika etwa, mit allen Vieren die Kufen eines Helikopters umklammern mußte.

Ralf Kreuels' Photos: Das sind endlose Tage und Nächte auf der Lauer. Das sind unvorstellbare Strapazen im Frühjahrsschlamm und in der Sommerglut, im Herbstregen und in klirrendem Winterfrost. Wer dabeisein will, wo das Schicksal seine Entscheidungen trifft, braucht einen langen Atem. Und mehr noch: tiefe innere Ruhe. Der berühmte deutsche Philosoph Immanuel Kant sprach einst den Satz von dem "Sternenhimmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir" - ein Gleiches ließe sich auch von diesen Photos sagen.

Wir machen uns kaum einen Begriff, wie schwierig es zum Beispiel war, die Aufnahme von sehr wahrscheinlich just jener Stelle in der Nähe des Hauslabjochs in den Ötztaler Alpen zu machen, wo im September 1991 der berühmte Gletschermann ("Ötzi") gefunden wurde. Ein einzigartiges Dokument, denn es könnte der letzte Beweis dafür sein, daß dort noch zwei weitere Menschen lagen. Wo sind sie hin? Waren sie eine Familie oder Teil eines unbekannten Stammes? Wieso starben sie zusammen? Selbstmord? Oder war es ein tödlicher Virus? Amerikanische Wissenschaftler haben schon vor Jahren nachgewiesen, daß Viren sehr verbreitet sind, für uns alle eine ständig wachsende Gefahr. Das Photo macht deutlich, daß wir die Warnungen der Forscher nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen.

Auch die Aufnahme, die eindeutig ein Flugzeug möglicherweise über Bombay zeigt, ist von unschätzbarem Wert. Lange Jahre hat der Absturz nahe der indischen Millionenstadt, bei dem glücklicherweise niemand zu Schaden kam, Rätsel aufgegeben. Jetzt scheint der Fall geklärt. Wie eigentlich recht deutlich zu erkennen, löste sich schon unmittelbar nach dem Start ein Seitenruder. War es eine Explosion, waren es Terroristen? Kreuels Bild legt die Frage zwingend nahe, zumal ja schon damals sofort Ermittlungen eingeleitet wurden. Kein Zweifel also, daß der aggressive Islam weiter auf dem Vormarsch ist. Wo Fundamentalismus herrscht, muß mit allem gerechnet werden. Ohne irrationale Ängste wecken zu wollen, das verbietet sich bei diesem Photokünstler von selbst: Hier ist kompromißlose Härte unumgänglich.