In den alten, märchenhaften Zeiten hat manchmal ein Bürger, seines dürftigen Lebens überdrüssig, nächtens geseufzt: "Ach wenn ich doch König wär!" Heutzutage, im Anblick der real existierenden Könige, Prinzessinnen und Prinzen, hat solche Wünsche niemand mehr. Nur noch der Dummkopf.

Was aber soll sich ein König wünschen, wo er doch schon König ist? König Peter von Popo, Vater von Büchners Prinz Leonce, wünscht sich immer nur das eine: Endlich, aller Staatsgeschäfte ledig, in Ruhe denken zu dürfen, nur noch denken!

Doch manchmal haben die Könige auch niedrige Wünsche. Zum Beispiel Ludwig von Bayern. Der Erste. Der Kerl von Lola Montez. "Ragende Größe" haben ihm die bayerischen Historiker bisher immer bescheinigt, "eine aufs Große gerichtete Persönlichkeit".

Jetzt aber ist der Briefwechsel zwischen dem alternden König und der schönen Tänzerin publiziert worden. Und schon "müssen Teile der bayerischen Geschichte umgeschrieben werden". Meinte Rudolf Reiser im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Ihm ist ein Königsbild zerbrochen, und daran sind vor allem Ludwigs Lolitta-Phantasien schuld. "Wo ist wahrhafte Größe", fragt zornbebend Reiser, "wenn er schreibt, er fühle beim Lesen von Lola-Briefen seine Männlichkeit, wenn er sich wünscht, auch die dreckigen Füße der Geliebten in den Mund zu nehmen?"

Keiner hier im hohen Norden wird die erstklassige Kennerschaft des Kollegen Reiser in Sachen bayerische Geschichte in Frage stellen wollen. Doch sein Expertentum auf dem schwierigen Gelände des Fußes resp. weiblichen Fußes möchten wir doch in aller Höflichkeit anzweifeln.

Wieso ist ein König ein Spießer, wenn er seiner Freundin von seinen königlichen Erektionen berichtet? Ist es nicht im Gegenteil rührend (also doch ein Zeichen "ragender Größe"), wenn sich der alte König in einen mannesstolzen, liebestollen Kindskopf verwandelt, der endlich einmal nicht an die öden Staatsgeschäfte, die schmierigen Berater, die tückischen Kirchenmänner im Königreich Bayern denken muß? Ist es Spießigkeit oder Weisheit, wenn ihm die Erkenntnis kommt: Erigieren geht über Regieren?

Und was Lolas Fuß in Ludwigs Mund angeht, so können wir auch hierin nichts Unkönigliches erblicken. Auf Rudolf Reisers Grollen antworten wir mit Heinrich Heines Gesang aus dem "Hohelied": "Des Weibes Leib ist ein Gedicht / Das Gott der Herr geschrieben / Ins große Stammbuch der Natur / Als ihn der Geist getrieben". Der Fuß, ob staubig oder frisch gewaschen, ist gewiß nicht die schlechteste Strophe in diesem Gedicht.