Vier neue Akte eines Dramas, das nicht enden will:

1. Der Iran, so berichtete der Londoner Sunday Telegraph, sei dabei, sich vom Mordaufruf gegen Salman Rushdie zu distanzieren. Ein hoher Regierungsbeamter erklärte: "Die iranische Regierung wird niemanden schicken, um Salman Rushdie zu ermorden, das ist sicher." Man könnte aufatmen, wüßte man nicht, daß solche Erklärungen schon öfter abgegeben und wieder dementiert wurden. "Article 19", die Interessenvereinigung zum Schutz bedrohter Autoren, ist darum skeptisch, solange es keine offizielle Stellungnahme der Regierung Rafsandschani gibt. Der Beamte, der dem Sunday Telegraph die Erklärung gab, war nicht einmal bereit, seinen Namen zu nennen. Der Fall Rushdie war von Anfang an auch eine Waffe in der inneriranischen Auseinandersetzung. Das scheint bei dieser jüngsten Erklärung nicht anders zu sein.

2. Im Februar erschien in einigen deutschen Zeitungen die Anzeige: "Wir fliegen nicht mehr Lufthansa". Die zweihundert Unterzeichner warfen der Lufthansa, die sich weigerte, Salman Rushdie zu befördern, vor, sie füge der Todesdrohung durch die Mullahs die Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit hinzu. Am 16. März fragte der SPD-Bundestagsabgeordnete Hans Wallow das Verkehrsministerium nach dem Vorgang. Der Staatssekretär Johannes Nitsch erklärte, die Bundesregierung habe keine Möglichkeit, auf die geschäftsführende Tätigkeit des Vorstandes der Lufthansa Einfluß zu nehmen. Wallow wollte daraufhin wissen, ob das Unternehmen denn grundsätzlich die Möglichkeit habe, sich zu weigern, Fluggäste zu befördern, die von terroristischer Gewalt bedroht seien.

Nitsch antwortete: "Die öffentlich-rechtlichen Beförderungsbedingungen schließen nach dem einschlägigen EG-Recht nicht aus, daß eventuell über eine Zivilrechtsklage nach Paragraph 242 BGB ein Beförderungsvertrag eingeklagt werden kann. Ob dann das beklagte Luftfahrtunternehmen dem Gericht gegenüber die Gefährdung der Passagiere bei der Durchführung dieses Transportes plausibel darzulegen vermag, erscheint zweifelhaft."

Am 17. Mai veröffentlichte die Personalvertretung der Deutschen Lufthansa ihren Standpunkt: "Ist es nicht sehr einfach, die Lufthansa durch den Boykott zur Beförderung des Herrn Rushdie zwingen zu wollen und damit die Beweislast des daraus resultierenden ,Heldentums` anderen, nicht beteiligten, sagen wir ruhig einmal unschuldigen, Menschen zu übertragen - ahnungslosen Passagieren und den unter der Fürsorgepflicht der Lufthansa befindlichen Besatzungsmitgliedern? Ist es nicht ungleich schwerer, eine unpopuläre Entscheidung zu treffen und nein zu sagen, weil dem Management der Deutschen Lufthansa AG die Verantwortung für Passagiere und Besatzungen kein Herr Wallraff oder irgendein anderer Mensch abnehmen kann? (. . .) Wie müssen Menschen beschaffen sein, die eine derart sensible Angelegenheit zum Mittelpunkt einer öffentlichen politischen Diskussion machen?"

In der Berliner Tageszeitung taz antwortete der CDU-Bundestagsabgeordnete Ruprecht Polenz der Personalvertretung der Lufthansa: "Es geht nicht um Helden oder Märtyrer, zu denen Personal und Passagiere der Lufthansa gemacht werden sollen. Das wäre in der Tat unverantwortlich. Sondern es geht um Zivilcourage, Solidarität und Menschenrechte sowie um die Frage, ob man sich von Terroristen erpressen läßt. Mit den Argumenten aus dem ,offenen Brief` hätte sich die Lufthansa Ende der siebziger Jahre auch weigern können, führende Vertreter unseres Staates und der Wirtschaft zu befördern, weil diese auf Todeslisten der RAF standen."

3. Am 21. Juni wird ein Pariser Gericht über eine Klage gegen Bernard Lewis, den bekanntesten angloamerikanischen Orientalisten, entscheiden. Lewis soll in einem Interview den Völkermord an den Armeniern geleugnet haben. In Frankreich steht die Leugnung der Judenvernichtung während des "Dritten Reiches" unter Strafe.