Es ist spät. Der kleine John kann nicht schlafen. Immer wenn er die Augen schließt, hört er seltsame Stimmen, die ihn plagen und ihm nie zuvor begegnet sind. Alles dreht sich in seinem Kopf. Er hat Angst. Deshalb geht er noch einmal nach unten, zu Donny, seiner Mutter, und zu Del, dem Hausfreund. Sie ermuntern ihn: Morgen ist Ausflugstag. Dann wird John mit dem Vater in die Wälder aufbrechen und in einer Blockhütte übernachten. Sicher ist das der Grund für seine Aufgeregtheit. Die warmen Hausschuhe sind verstaut, der Koffer ist gepackt. Nur einer fehlt noch zum Kinderglück: Der Vater.

Ein Kryptogramm ist eine Schrift aus lauter Rätseln. Einer der leuchtenden Rätseltexte von David Mamet beginnt so: "Sonntag abends waren wir unterwegs, um jemanden zu besuchen. Auf dem Heimweg wurde das Autoradio eingeschaltet. Es war dunkel, und wir fuhren gemächlich durch die Prärie bei Chicago. ,Spannung mit CBS` wurde gesendet. Oder: ,Ihr ergebener Johnny Dollar - der Mann mit der Million auf dem Bankkonto`. Und jedesmal waren wir zu früh zu Hause."

Der Aufsatz heißt "Radio Days", ist im amerikanischen Essayband "Writing in Restaurants" abgedruckt und beschreibt eine schöne Kindheitserinnerung. "Wir blieben einfach im Auto sitzen, solange, bis mein Vater uns hinauswarf - wir wollten wissen, wie die Geschichte endete. Und wünschten uns, daß die Fahrt endlos wäre - wollten immerzu durch die Prärien fahren und den vertrauten Stimmen lauschen."

Mamet hat die Stimmen in seinem Gedächtnis behalten. Sie kannten keine Requisiten, weder Bühnen- noch Lichterzauber. Und begnügten sich mit dem Geheimnis, das in den Köpfen wohnte. Das sonntägliche Prärieabenteuer entfachte Mamets Theaterfieberkunst. Mit seinen Stücken hat er stets einen einzigen Plan verfolgt. Sein Theater soll ein Theater aus lauter Stimmen sein. Irgendwann aber hat das Kindheitsspiel seine Unschuld verloren, spätestens als die Eltern sich trennten. Damals war Mamet zehn Jahre alt. Die Zeit der Ausflüge war mit einem Mal vorüber.

Johns Vater kommt nicht mehr. Von nun an werden die unheilvollen Stimmen das Kind nicht mehr verlassen. Sie sind bei ihm, selbst dann, wenn er Trost bei der Mutter sucht. "Ich liebe dich, aber ich kann dich nicht leiden", sagt sie zu ihm. John ist ratlos. Er stellt viele Fragen, insistiert, aber keiner antwortet ihm. Er fällt ins Wort - und darf kaum einen Satz zu Ende sprechen. "Bist du tot?" fragt er Donny einen Tag nach der Trennung. "Wünschst du dir manchmal, tot zu sein?" will er von ihr wissen und meint sich selbst, einen Monat später, als die Kartons für den Umzug bereits zugeschnürt sind. Niemand bemerkt seine Verwandlung, weder Del noch Donny und schon gar nicht Dieter Giesing, Mamets Haus-, Leib- und Magenregisseur. Er hat das Kindheitsdrama in Zürich zur geschwinden deutschsprachigen Erstaufführung gebracht.

"Das Kryptogramm" ist ein leises Stück. Seine Zündschnur ist lang, der Pulverdampf läßt lange auf sich warten. Es handelt von einem Unglück, das alltäglich und unermeßlich ist. Und braucht dazu weder einen kalten Immobilienpalast ("Glengarry Glen Ross") noch zugige Hochschulfassaden ("Oleanna"). Vier einfache Wohnzimmerwände genügen, dick und undurchdringlich. Die Stimmen jener Zeit (1959) und jenes Orts (Chicago) klingen gespenstisch klar. So landet Mamet Treffer auf Treffer.

Diesmal aber hat er seine Taktik unmerklich verändert. Offenbar ist ihm daran gelegen, daß seine Opfer alle Runden überstehen und erst am Ende in die Knie sinken. Der Niedergang ist langsam und unaufhaltsam. Er kreist um wenige Spannungspunkte. Ein Messer, das Robert, dem Vater, gehörte und seltsamerweise in die Hände Dels gelangte. Eine Decke mit einem tiefen Riß darin. Donny und Robert hatten sie vor langer Zeit benutzt, um sich unter freiem Himmel zu lieben. Und John wurde darin eingewickelt, als er noch ein Baby war. Oder jener einfache Segensspruch von Walen und Monden, der dem Haus einen langen Frieden verspricht. Am Ende wird John keinem Spruch mehr trauen, sich immer noch nach seiner alten Decke sehnen und das Messer des verschwundenen Vaters in Händen halten. Das ist die ganze Tragödie. Sie ist zerstörerisch und findet in unseren Köpfen statt, nirgendwo anders.