DIE ZEIT: Gibt es überhaupt so etwas wie eine jüdische Medizin? Oder würden Sie lieber von jüdischer Ethik in der Medizin sprechen?

Fred Rosner: Das sind zwei verschiedene Dinge. Das eine ist jüdische Medizin in der Geschichte, die bis in biblische Zeiten zurückreicht. In der Bibel gibt es viele Stellen, wo es um Medizin geht. Diese sind in späteren Texten, etwa im Talmud, interpretiert und kommentiert worden. Das nennen wir biblisch-talmudische Medizin.

Etwas anderes ist die jüdisch-medizinische Ethik von heute, die sich aus jüdischer Sicht mit den Dilemmata befaßt, mit denen uns die moderne Medizin konfrontiert: Abtreibung und Geburt, Tod und Lebensverlängerung, Organspende und künstliche Befruchtung sind dafür Beispiele. Zu all diesen Problemen gibt es einen jüdischen Standpunkt, der sich auf die biblisch-talmudischen Quellen stützt.

ZEIT: Was ist die Bedeutung oder die Quelle des jüdischen Pragmatismus?

Rosner: Die jüdische Religion ist auf allen Gebieten äußerst pragmatisch. Das ist in erster Linie in der Sorge um das menschliche Leben begründet. Der Wert des menschlichen Lebens gilt im Judaismus als unendlich viel stärker als im Katholizismus und gewiß als in jeder säkularen Ethik. Jeder Augenblick des Lebens ist wertvoll. Und deshalb ist es nach jüdischem Gesetz erforderlich, daß die Ärzte all ihr Können innerhalb bestimmter moralischer Grenzen einsetzen, um einen Kranken zu heilen, das Leben zu verlängern. Das schließt sogar ein, beinahe sämtliche Forderungen des jüdischen Gesetztes, wie koscheres Essen oder die Ruhe des Sabbats, außer Kraft zu setzen, wenn es gilt, ein Leben zu retten.

ZEIT: Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Rosner: Nehmen wir die Abtreibung. Normalerweise ist sie nach jüdischem Gesetz nicht erlaubt. Nur wenn das Leben der Mutter auf dem Spiel steht, muß der ungeborene Fötus, der ja nur ein potentielles Leben darstellt, zerstört werden, um dasjenige der Mutter zu retten. Das gleiche gilt übrigens für die Empfängnisverhütung. Denn die Bibel verlangt ja: Seid fruchtbar und mehret euch! Empfängnisverhütung ist daher nur erlaubt, wenn eine Schwangerschaft für die Frau ein gesundheitliches Risiko birgt.