Norbert Blüm gerät leicht in Rage. Aber so wütend hatten ihn seine Mitarbeiter schon lange nicht mehr gesehen. Provoziert hatte den Bundessozialminister ein Brief der Jungen Liberalen. Darin wird ihm eine einseitige Sozialpolitik zugunsten alter Menschen vorgeworfen. Die Jugend werde um ihren Wohlstand gebracht, die Rentner lebten "auf Kosten der nachfolgenden Generation". Postwendend diktierte Blüm eine geharnischte Antwort: Der FDP-Nachwuchs solle sich schämen, "eiskalt" und mit einer "nicht zu überbietenden historischen Dumpfheit" würden Egoismen der Jungen gegen die Alten geschürt.

Klare Worte. Doch das Schreiben der Julis war kein leichtfertiger Ausrutscher, sondern ernst gemeint. FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle stellte sich bedingungslos hinter seine junge Garde. Er hält es für "völlig normal", daß Dreißigjährige die Solidarität der Generationen in Frage stellen. Angesichts der Bevölkerungsentwicklung sei für jeden voraussehbar, daß der Generationenvertrag spätestens dann nicht mehr in vollem Umfang funktioniert, wenn die jungen Leute von heute in Rente gehen.

Wie der 33 Jahre alte Westerwelle denken viele. Nicht nur besserverdienende Yuppies wollen den Rentnern und Pensionären ans Portemonnaie. Klaus Bregger vom Wirtschaftsflügel der CDU möchte das Rentenalter auf siebzig Jahre erhöhen. Joachim Becker, Buchautor und sozialdemokratischer Bürgermeister in Pforzheim, denkt über eine Abschaffung der Seniorentarife bei der Bundesbahn nach. Angeblich sollen solche Maßnahmen der Gerechtigkeit zwischen den Generationen dienen. Zuallererst nutzen sie aber vor allem der Schonung der Rentenkassen und öffentlichen Haushalte.

Was eigentlich ein Grund zur Freude sein sollte, wird zunehmend als Belastung empfunden: die steigende Lebenserwartung. Wer 60 ist, hat heute als Mann noch durchschnittlich 18, als Frau noch 22 Jahre vor sich. Und falls sich im nächsten Jahrzehnt die erhofften Erfolge im Kampf gegen Krebs einstellen, wird das Leben noch länger. Gleichzeitig werden seit den sechziger Jahren weniger Kinder geboren, die Altersstruktur der Gesellschaft verschiebt sich zugunsten der Senioren. Der Generationenvertrag sei deshalb "nicht durchzuhalten", predigt Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) schon seit Jahren. Die Zukunft der Jugend, ja der gesamten Gesellschaft werde den Alten geopfert, klagt die Ärztin Heidi Schüller, die SPD-Chef Rudolf Scharping zu seiner Gesundheitsministerin machen wollte. Das sei nicht weniger gefährlich als eine "handfeste militärische oder ökologische Bedrohung". Sie schlägt unter anderem vor, unmündigen Greisen das Wahlrecht zu nehmen und teure Operationen zu verweigern. "Heidi Schüller - Altenkiller" beschimpften sie deshalb Mitglieder der Grauen Panther.

Ist das der "Krieg zwischen den Generationen", den der Gießener Sozialwissenschaftler Reimer Gronemeyer vor sechs Jahren in seinem Buch "Die Entfernung vom Wolfsrudel" vorhergesagt hat? Nein, von einem Kampf könne keine Rede sein, sagt Professor Martin Kohli, einer der bekanntesten Altersforscher in Deutschland. Nicht einmal von einem gespannten Verhältnis zwischen den Generationen. Umfragen in den vergangenen Jahren hätten ergeben, daß mehr als die Hälfte aller 18 bis 44 Jahre alten Westdeutschen sogar noch höhere Renten befürworteten, selbst wenn sie dafür mehr Beiträge bezahlen müßten. Nicht einmal drei Prozent sprachen sich hingegen für Rentenkürzungen aus.

Von Neid auf die Alten keine Spur. Dennoch schüren Politiker, Buchautoren und Journalisten fleißig den Generationenkonflikt. Von einer "Diktatur der Alten" ist die Rede und von einer "Ausbeutung der Jungen". Während die Sozialausgaben des Staates explodierten, setzten sich immer mehr ältere Arbeitnehmer immer früher zur Ruhe. "Eine Generation der Schmarotzer hat eine ,Vollkaskogesellschaft` aufgebaut und die Prämien mit Wechseln bezahlt, die ihre Enkel einlösen sollen. Der letzte Schlag war die Pflegeversicherung", schreibt der Journalist Peer Ederer zusammen mit seinem Vater Günter in dem gerade erschienenen Buch "Das Erbe der Egoisten".

Schon die schrille Tonlage mahnt zur Vorsicht. Ernstzunehmende Kritik vermischt sich hier mit Vorurteilen, Klischees und unkorrekten Darstellungen. So explodieren die Ausgaben für soziale Zwecke keineswegs. Vielmehr ist der Anteil der Sozialausgaben am Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zwanzig Jahren in Westdeutschland aufgrund von Kürzungen und Streichungen laufend zurückgegangen. Lediglich durch die deutsche Einigung ist der Anteil für Gesamtdeutschland inzwischen wieder auf dem Niveau von 1975 (34 Prozent) angelangt.