DIE ZEIT: Aserbajdschan liegt heute an einem Schnittpunkt der Weltpolitik. Wohin führen Sie dieses Land?

Hejdar Alijew: Unser Kurs heißt: Unabhängigkeit. Gute Beziehungen zu allen Staaten, aber mit festen Koordinaten. Das ist besonders wichtig, weil es in der GUS jetzt Tendenzen gibt, sich nach der Sowjetunion zurückzusehnen. ,Ohne Rußland kann man nicht leben`, heißt es da wieder. Wir aber werden alles tun, um unsere Unabhängigkeit zu bewahren.

ZEIT: Worauf soll die gründen?

Alijew: Jedes Land muß seine Traditionen, seine Glaubenswurzeln pflegen, wenn es ein nationales Profil besitzen will - wenn es zum modernen Staat, zum westlichen Lebenskreis hinsteuern will. Das ist für uns nicht leicht. Unter dem Zaren waren wir eine Kolonie, unter sowjetischer Herrschaft sind Generationen von kommunistischer Ideologie und Planwirtschaft geprägt worden. Aber nach den Prinzipien der Demokratien kann man das Land dennoch ohne Angst öffnen.

ZEIT: Ihren Nachbarn ist das nicht so einfach gelungen, wie das Schicksal des Schahs und die Probleme der Türkei gezeigt haben. Elend und Identitätskrisen nähren den Fundamentalismus.

Alijew: Unser größtes Elend ist der Krieg mit Armenien. Ein Fünftel unseres Territoriums ist besetzt, wir haben eine Million Flüchtlinge. Der Waffenstillstand seit dem 12. Mai 1994 ist schon eine Erleichterung. Aber wir brauchen ständigen und gerechten Frieden: Die fremden Truppen müssen abziehen, die Flüchtlinge zurück. All unsere Reformbestrebungen werden von den Kriegsfolgen belastet. Ich schließe nicht aus, daß es Versuche geben wird, Fundamentalismus zu schüren. Aber ich bin auch sicher, daß unsere Bemühungen dem Fundamentalismus keine Chance lassen.

ZEIT: Ist eine Einigung mit Armenien möglich?