Der Bayerische Wald bewegt sich nicht. Der Schwarzwald steht in Baden-Württemberg herum. Aber der Wald von Dunsinan marschiert. Das gehört zu den Versprechen von Shakespeares "Macbeth". Wenn sich der Wald bewegt: Das ist der Tragödie fünfter Akt. Dann ist das Ende nah.

Sieben Bäume sind kein Wald. Aber sie bewegen sich. Sie rollen auf fahrbaren Untersätzen über die Bühne des Erlanger Markgrafentheaters, die dürren Stämme weiß umwickelt, die Äste gestutzt und verstümmelt. Es ist eine Baumfamilie wie aus Dunsinan, die Ärger mit ihrem Jüngsten hat: ein Teeny-Baum, noch in der Pubertät, mit allen nervtötenden Folgen. Er läßt seine spärlichen Blätter nicht einfach fallen, sondern wirft sie weg, weshalb Laub herumliegt, wo es gar nicht hingehört, und über einen seiner Äste hat er sich einen Kopfhörer gehängt, aus dem MTV-Musik dröhnt. Die anderen sechs sind eher gesetzte Bäume und ergehen sich in chorischen Gesängen, dirigiert von einem weißgekleideten Mann, der sich aus seiner Konfusion immer wieder in wundersame Aktivitäten rettet. Das ist Mr. Creep.

Sein Platz auf dieser Welt ist hinter einer Mauerruine, wo es spukt. Dort erscheint nachts wie ein Gespenst ein bleiches Puppengerippe, die langen Haare dünn und weiß wie die Bäume. Das ist Kaspar Hauser.

Der geniale Amsterdamer Schau- und Puppenspieler Neville Tranter hat nach Kaspar Hauser sein neues Stück benannt, mit dem das Stuffes Puppet Theatre beim Festival des Figurentheaters in Erlangen gastierte, also nicht weit von Nürnberg, wo man 1828 den sechzehnjährigen Kaspar fand. Er konnte nicht sprechen, nur mühsam gehen und überlebte seine Rettung nur um fünf Jahre. 1833 wurde Kaspar Hauser ermordet.

Mr. Creep hat für Kaspars Rückkehr alles vorbereitet. Er hat mit beiden Händen kurz und grob seine Harfe traktiert. Dann ist der Mond aufgegangen. Er hat an ein paar Saiten herumgezupft, und schon war das ganze Theater voll Musik. Dieser Mann ist ein sehr routinierter Magier, im Grunde seines Herzens ein Dekorateur.

Dieser Mr. Creep (Beppe Costa) übergibt Kaspar Hauser einem Puppenspieler (Neville Tranter), der nur noch an eines denkt: an seinen Hut, den er nach der Vorstellung den Zuschauern unter die Nase hält, um abzukassieren. Mit seinen Puppen verdient er sich Geld, das er am Abend als Spieler wieder verliert. Es ist, als folge dieser Mann dem Ratschlag eines Kritikers, der in Tranters vorletztem Projekt, in "Nightclub", beim Sprechen grundsätzlich seinen Kopf abnahm und einem Varietékünstler vorschlug: "Double your profits and dump the puppet!" Was soviel hieß wie: "Verdiene das Doppelte und pfeif auf die Kunst!"

"Ladies and gentlemen!" Alles, was dem Puppenspieler noch gelingt, ist sein Animationsgeschrei: "Love, hate, jealousy . . . That's what our puppet actors bring you, folks. A cultural evening celebrating broken hearts and misery." Um Liebe, Haß, Eifersucht und gebrochene Herzen soll es gehen. Dann zeigt er mit seiner schwangeren Frau als Assistentin (Ria Marks) "Romeo und Julia": die Balkonszene. Er zieht sich zwei Puppenköpfe wie Boxhandschuhe über seine Fäuste, und die Frau holt aus einem hölzernen Bauchladen die Requisiten dazu. Die Puppen, zwei alte Männer, passen nicht zum Stück, und das Schausteller-Ehepaar hat keine Ahnung mehr von Romeo und Julia. Sollten ihre Herzen je gebrochen sein, dann war es kein Unglück. Zu dem, was sie tun, brauchen sie keine.