Erdgeruch steigt auf vom feuchten Boden. Sonnenstrahlen fallen schräg aus einer Regenwolke und lassen den Fluß als silbernes Band erscheinen. Vogelgeschrei klingt vom Ufer.

Ein Naturschutzgebiet? Der Schein trügt: ein Sperrgebiet. Zwar liegen sich Naturschützer, Baulöwen und Farmer schon in den Haaren, wer dermaleinst den Zugriff auf das Land am großen Bogen des Columbia River bei Richland im Staat Washington haben soll. Doch das wird noch dauern. Es könnte in den nächsten dreißig Jahren oder auch erst im 22. Jahrhundert entschieden werden. Gewiß ist nichts, außer der betongewordenen Bedrohung aus der Zeit des Kalten Krieges, die auf der Südseite des Stromes alle Zukunftspläne diktiert.

Da sind die neun Reaktoren, die zwischen 1943 und 1964 im Abstand mehrerer Kilometer am Flußufer errichtet wurden. Da stehen Hunderte anderer Ungetüme aus Beton, Rohr- und Meßsysteme über unterirdischen Behältern und Tausende gelber Warnschilder, die aus dem Boden ragen. In diesem Gebiet, "Hanford Site" in der Amtssprache genannt, so groß wie zwei Drittel des Saarlandes, wurden sechzig Prozent des waffenfähigen Plutoniums für den Atomschirm der westlichen Allianz gewonnen. Plutonium so viel und so schnell wie möglich zu beschaffen - so lautete der Auftrag.

In diesem Gebiet wurden 1,6 Milliarden Hektoliter radioaktiv oder chemisch verseuchter Flüssigkeiten in den Boden gekippt. Von hier aus wurden mit radioaktiven Abwässern das Grundwasser und der Columbia River verseucht, wurden mit dem Westwind Krebs und Schilddrüsenerkrankungen in nahe Dörfer getragen. Hier sind 765 000 Kubikmeter leicht verstrahlten Abfalls flach im Boden verscharrt und wurden 1400 verseuchte Geländestellen kartographiert - bislang. Denn noch geht die Suche weiter, mit einem simplen Traktor, dem Sensoren und raffiniertes Navigationsgerät vorgespannt sind.

Die "K Basins" zum Beispiel, zwei Betonklötze keine vierhundert Meter vom Fluß entfernt: was tun damit? Hinter den fensterlosen Mauern liegen 2300 Tonnen ausgebrannten Reaktorbrennstoffs in großen Becken. Die Gebäude verfallen. Ihr Ventilationssystem ist so veraltet wie die elektrischen Leitungen und Wasserleitungen. Die mehr als 100 000 Brennstäbe, teils in Aluminium-, teils in Strahlenbehältern sechs Meter unter der Wasseroberfläche, sollten hier ursprünglich nur für Monate zwischengelagert werden. Dann ging der Kalte Krieg zu Ende, und das nahe gelegene Werk zur Wiederaufarbeitung wurde geschlossen.

Nun zeigen viele Brennstäbe und Behälter Zersetzungserscheinungen, entlassen Plutonium und Strontium-90 ins Wasser. Ab und zu aufsteigende Blasen beweisen den Zerfallsprozeß. Auf dem Boden der Bassins hat sich tödlicher Schleim gebildet. Lecks werden provisorisch abgedichtet. Irgendwann, gedacht wird an 1998, müssen die Brennstäbe in das weniger umweltgefährdende Zentrum des Hanford Site transportiert und noch einmal zwischengelagert werden. Eine Endlagerung ist nicht in Sicht. Allein die notdürftige Instandhaltung der "K Basins" kostet jährlich vierzig Millionen Dollar. "Man kann nicht einfach das Licht ausmachen und abschließen", sagt einer der Ingenieure, die den Komplex betreuen.

Oder die "tank-farm". Sie ist das andere der beiden schwersten Probleme im Hanford-Gebiet. Nur Betonplatten und Meßgeräte sind jenseits des Zaunes zu sehen. Darunter liegen in zwei bis drei Meter Tiefe 177 Tanks. Von diesen 177 haben nur 28 doppelte Wände, aber jeder einzelne ist bis zu zehn Meter Höhe mit hochgradig radioaktiven Abfallflüssigkeiten gefüllt. Sollte sich zwischen der verkrusteten Oberfläche und der Behälterkuppel entflammbares Gas bilden, besteht Explosionsgefahr. In Tomsk-7, einer militärischen Wiederaufarbeitungsanlage in Sibirien, hat sich im April 1993 eine Gasexplosion ereignet. Über ein weites Gebiet fiel radioaktiver Niederschlag.