Das war eine schöne Bescherung für den Chemiker Christoph Lierse, als ihm das Bayerische Landesamt für Umweltschutz eine Probe Schwermetalls zur Begutachtung schickte. Lierse ahnte einen kriminellen Zusammenhang. Denn bei Rückfragen sollte er sich nicht - so war ihm aufgetragen worden - an das Landesumweltamt, sondern an das Landeskriminalamt wenden. Heraus kam, daß es sich bei dem Stoff um Uranoxid und Plutoniumoxid - vulgär: verrostetes Uran und Plutonium - handelte. Lierse wußte sofort, daß die ganze Sendung, inklusive Verpackung, kontaminiert war. Er analysierte die Probe in einer gesicherten Handschuhbox. Andere müssen mit dem Strahlenmetall leichtfertiger umgegangen sein: "Es schien, als hätten sie es einfach mit einem Löffel abgepackt."

Lierse sagt als sachverständiger Gutachter vor dem Münchner Landgericht aus. Dort sind der Columbianer Justiniano Torres sowie der Spanier Julio Oroz und Javier Bengoechea wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz angeklagt. Torres und Oroz waren mit 363,4 Gramm Plutonium 239 im Koffer am 10. August vergangenen Jahres in einer aus Moskau kommenden Linienmaschine der Lufthansa auf dem Münchner Flughafen festgenommen worden. Bengoechea gilt als Vermittler für den Handel mit der todbringenden Ware.

Nach dem versuchten Plutoniumschmuggel breitete sich Entsetzen aus. "Vagabundierendes Plutonium", "Atommafia", "Deutschland als Umschlagplatz" - wenn das Spaltmaterial so leicht in Rußland zu beschaffen ist, wie schnell können dann Nuklearterroristen oder verbrecherische Regime die Bombe bauen? Acht Monate später fragte aber auch die FAZ: "Ertappt oder angestiftet?" Die Bürger, kommentierte das Blatt, hätten ein Recht darauf, vor "geheimdienstlichen Gefahrenschöpfern" geschützt zu werden.

Die besonders vom bayerischen Innenminister Günther Beckstein als Erfolg gefeierte Operation "Hades" verwandelte sich zur "Plutoniumaffäre". Nicht nur in München, auch in einem Bonner Untersuchungsausschuß türmen sich die Fragen: Haben das Bayerische Landeskriminalamt oder der Bundesnachrichtendienst oder deren V-Leute womöglich erst die Nachfrage erzeugt? Mußte das Plutonium unbedingt nach München geflogen, mußten die Russen brüskiert und mußten - im Falle eines Flugzeugunglücks - unabsehbare Gefahren geschaffen werden? Zu welchem Zeitpunkt wußten Kanzler Kohl und sein Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer von der Operation? Wieviel wußten sie?

Im Gerichtssaal A 101 verfolgen die drei Angeklagten das Verfahren teilnahmslos. Dolmetscherinnen übersetzen simultan ins Spanische. Wenn Beweisstücke auf der Richterbank zu betrachten sind, geht nur der bärtige Torres, ein mit einer Russin verheirateter, gescheiterter Krebsarzt, nach vorne. Bengoechea, Vater von vier Kindern, teilt mit seiner Dolmetscherin Kaugummis. Oroz im offenen Hemd wirkt wie ein illegaler Leiharbeiter bei einer Abschiebeanhörung. Er trägt seine wenige Habe in einer weißen Plastiktüte. Diese drei sollen die Drahtzieher, die weltweit gefährlichen Atomkriminellen sein, wie die Staatsanwaltschaft meint? Eher sind sie vom Typ verkrachte Handelsvertreter.

Wird da irgend etwas erhellt in München? Aus den Gutachten Lierses und der beiden anderen Sachverständigen, Wolf Weber von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit und des Nuklearchemikers Lothar Koch, lassen sich immerhin erste Schlußfolgerungen ziehen: Lierse hatte seine Lieferung am 10. August 1994 erhalten. Sie war also vor der spektakulären Festnahme auf dem Franz-Josef-Strauß-Flughafen abgeschickt worden. Es dürfte sich demnach um die Probe handeln, die der als Walter Boeden auftretende Scheineinkäufer des Landeskriminalamts dem spanisch-kolumbianischen Händlertrio als Beweis für ihre Lieferfähigkeit abverlangt hatte.

Die Probe scheint aus derselben Quelle zu stammen wie die Hauptlieferung. Auch letztere bestand aus einem Uranoxid- und Plutoniumoxidgemisch. Das Material sei zwar grundsätzlich atomwaffentauglich, sagt Koch, für eine unmittelbare Anwendung eigne es sich allerdings nicht. Dazu bedarf es teurer Anlagen und großen waffentechnischen Know-hows. Weber schätzt, daß neun Kilogramm des Gemischs in der beschlagnahmten Form - oxidiert und nicht hinlänglich angereichert - nötig gewesen wären, um die kritische Masse für eine Kernexplosion zu erreichen. Das Schlimmste, was mit den 363 Gramm Plutonium hätte ausgelöst werden können, meint Weber, sei eine Panik - etwa wenn Terroristen behauptet hätten, mit dem Plutonium Münchens Trinkwasser vergiftet zu haben.