Im hektischen, nun von den Wählern noch mehr aufgescheuchten Bonn einmal gedanklich innezuhalten zeugt schon von Gelassenheit. Wolfgang Thierse, ohnehin der Philosoph unter den Sozialdemokraten, hat sie. Und er hatte auch einen geschärften Blick, als er zurückschaute auf die bedrohliche Starre, in die die weltpolitische Lage in den achtziger Jahren geraten war: SS-20-Raketen, Nato-Doppelbeschluß, Afghanistan, Kriegsrecht in Polen, Reagans "Reich des Bösen" in der Sowjetunion, wer erinnert sich?

Wie ein Spinnennetz, sagte Thierse, habe sich damals der Ost-West-Konflikt wieder über fast alles gelegt. Damit zitierte er den Autor des Buches, das er nun in Bonn vorstellte: Es ist der SPD-Historiker Heinrich Potthoff mit seiner Untersuchung und Dokumentation zur Deutschlandpolitik zwischen 1982 und 1989. Potthoff konnte dank der Öffnung östlicher Archive, aber auch der Aufzeichnungen westdeutscher Politiker eine bisher einzigartige Quellensammlung (im Juni bei dtv) vorlegen. Ihr Titel heißt "Koalition der Vernunft". Potthoff wie Thierse geht es um das vergessene Drama von damals: die Anstrengung, eine pragmatische Politik des Spannungsabbaus und der menschlichen Erleichterungen durchzuhalten wie der erneuten Zuspitzung zwischen Ost und West entgegenzuwirken. Da gab es eine nahezu bruchlose Kontinuität dieser Politik von Brandt bis Kohl. Die Dokumente zeigen es.

Sie werden es Sensationshistorikern und ahnungslosen Moralisten zumindest schwerer machen, diese Politik auf ihre Weise zu vermarkten. Gerade hat Günter Gaus, der erste Ständige Vertreter Bonns in Ost-Berlin, den nachträglichen Beckmessern bitter, aber souverän Bescheid gegeben nach üblen Angriffen des sterns, die ihn als eine Art Kollaborateur darstellten - Angriffe übrigens ohne jede Selbstreflexion, als hätte das Blatt einst der Deutschlandpolitik nicht das Wort geredet. Und wenn CDU und FDP, auch in selbstkritischer Absicht, die Hand von den Archivalien nähmen, die ihnen von den ehemaligen Blockparteien in der DDR überkommen sind, könnte noch deutlicher werden, daß die Deutschlandpolitik zu billiger Tagesmünze nicht taugt.

Vielmehr: Sie war, alles in allem, eine gemeinsame Erfolgsgeschichte, erst recht im ruhigen Rückblick, wenn man sich ihn in Bonn denn erlaubt.