Paris

Gesucht wurde Unmögliches: Junge Politiker, die den Wandel verkörpern, aber über reiche Erfahrung verfügen; am liebsten Frauen; treue Anhänger von Staatspräsident Jacques Chirac, auf keinen Fall Freunde von Expremier Edouard Balladur; Gaullisten oder zumindest Rechtsliberale. Schließlich sollten sie möglichst viele Regionen Frankreichs vertreten . . .

Diese Fahndung konnte nicht erfolgreich sein. Neben zahlreichen Jungspunden mußte Frankreichs neuer Premierminister Alain Juppé zähneknirschend auch alte gaullistische Haudegen in seinem Kabinett willkommen heißen. Die Zahl der Frauen ist mit zehn zwar so hoch wie nie zuvor, doch sie finden sich auf bizarren Posten wie dem Ministerium für Solidarität zwischen den Generationen. Keine einzige bekam ein Schlüsselamt. Zu guter Letzt wurde die neue Regierung nicht etwa zurechtgestutzt und abgespeckt wie versprochen. Sie ist mit 43 Mitgliedern größer denn je.

Der Zwang zum Kompromiß und Taktieren zeigt sich deutlich bei der Besetzung der beiden Scharnierstellen Frankreichs zur Außenwelt, beim Außen- und Verteidigungsressort. Sowohl Hervé de Charette, nun Chef im Quai d'Orsay, wie auch der neue Herr über die Armee, Charles Millon, sind auf der Weltbühne nahezu unbekannt. Beide gelten als glanzlos, aber tüchtig. Der 56jährige de Charette stand bislang im Schatten von Expräsident Valéry Giscard d'Estaing; der 49jährige Millon segelte unter der Flagge von Altpremier Raymond Barre. Beide kommen aus dem rechtsliberalen Parteienverbund UDF, beide gehören zur kleinen Schar von Nichtgaullisten, die sich im Wahlkampf früh zu Jacques Chirac bekannten. De Charette hatte zunächst für eine Kandidatur seines politischen Ziehvaters Giscard geworben. Nachdem sie sich als völlig chancenlos erwiesen hatte, schlug er sich auf Chiracs Seite, in erster Linie, weil ihn dessen Vorgänger Balladur als Wohnungsbauminister mit Vorschlägen regelmäßig abblitzen ließ. Millon wiederum kandidierte monatelang selber für die Präsidentschaft. Die Franzosen nahmen jedoch seine Bewerbung kaum zur Kenntnis. Chirac unterstützte er dann vor allem aus Abneigung gegen Balladur.

Politisch stehen Hervé de Charette und Charles Millon dem Präsidenten im Grunde fern. Das gaullistische Gedankengut Chiracs, Zentralismus, Staatsinterventionismus und Nationalismus, lehnen beide ab. Können die überzeugten Europäer künftig ein Gegengewicht zum euroskeptischen Staatsoberhaupt bilden? Ja, vorausgesetzt Chirac und Juppé lassen ihnen Manövrierraum. Im ersten Interview nach seiner Ernennung wies de Charette Bedenken weit von sich, Chirac und Juppé - letzterer selber zwei Jahre lang energischer Außenminister - könnten ihm in der Sonne stehen: "Es ist doch toll, daß sich der Premierminister persönlich für mein Aufgabengebiet interessiert." Wird er mehr sein können als ein Staatssekretär mit Ministertitel? Jedenfalls werden (zu) viele mitmischen wollen. Auch Valéry Giscard d'Estaing. Der hat nämlich selber mit dem Außenministerposten geliebäugelt. "Giscard würde Sie in den Hintergrund drängen. Er kennt mehr Staatschefs persönlich als Sie und ich zusammen", warnte Juppé Chirac. Das fand Widerhall. Giscard setzte aber im Gegenzug einen Getreuen als Außenminister durch.

Wer freilich in de Charette bloß das Sprachrohr Giscards sieht, unterschätzt ihn. Dem Nachfahren königstreuer Aristokraten aus der westfranzösischen Vendée geht zwar das Charisma seiner Ahnen ab, er gilt aber als Arbeitstier und gescheiter Kopf. In den achtziger Jahren erntete er Respekt als Chef des heiklen Ministeriums für Staatsbetriebe. De Charette hat Giscard seine Loyalität ausreichend bewiesen, um sich heute eine eigene Meinung zu erlauben. Aber trotz des Versprechens des Altpräsidenten, sich von der Hauptbühne der Politik in die Auvergne zurückzuziehen, dürfte es an Versuchen nicht mangeln, weiterhin kräftig mitzumischen.

Das zweite Idol des neuen Außenministers heißt Lucky Luke. Wie der Westernheld aus den Comics ist auch er ein Einzelgänger, liebt Bonmots und arbeitet am liebsten, ohne unnötig Wind zu machen. Die trockene Definition, die der Diplomat Bernard Destremau in einem Buch über das Pariser Außenministerium liefert, dürfte haargenau zum neuen Amtschef passen: "Quai d'Orsay bezeichnet die Umgebung, in der sich das Außenministerium befindet, und zugleich die Gesamtheit des Personals, das von diesem beschäftigt wird."