Auch Jürgen Burkhardt hat einmal klein angefangen. Allerdings zu einer Zeit, als das Rechtsanwaltsschild an der Haustür noch den beruflichen Erfolg sicherte. Heute, zweieinhalb Jahrzehnte später, ist er einer der Seniorpartner von Beiten, Burkhardt, Mittl & Wegener, einer der großen deutschen Anwaltskanzleien. Hinter der abweisenden Fassade aus getöntem Glas und Stahl in Münchens Leopoldstraße arbeiten auf 4000 Quadratmetern 44 Anwälte und 100 weitere Mitarbeiter. Auf den Fluren hängen Gemälde zeitgenössischer Künstler, die Büros sind von der Deckenlampe bis zum Papierkorb durchgestylt. Kein Zweifel: Hierher verirren sich keine geplagten Mieter, nicht einmal der Büromöbel-Verkäufer aus München-Schwabing, der auf einem Berg unbezahlter Rechnungen sitzt. Kunden dieser Kanzlei sind die Großen der Wirtschaft, denn nur sie behalten bei Stundensätzen zwischen drei- und sechshundert Mark die Farbe im Gesicht. Der Jahresumsatz, von BBMW streng geheimgehalten, dürfte nach Schätzungen von Konkurrenten mittlerweile zwischen sechzig und achtzig Millionen Mark liegen.

Nachdem das Bundesverwaltungsgericht vor sechs Jahren grünes Licht für überörtliche Kanzleien gegeben hatte, schlugen viele Rechtsanwälte den Weg Jürgen Burkhardts ein. Der Anwaltsforscher Christoph Hommerich prognostizierte schon 1988 in seiner Studie "Die Anwaltschaft unter Expansionsdruck": Wer im großen, internationalen Geschäft mithalten will, muß sich mit anderen zusammenschließen, denn die wirklich lukrativen Aufträge lassen sich in einer immer komplizierter werdenden Wirtschafts- und Gesetzeswelt nur noch durch ein Heer von Spezialisten meistern. Mit einigen Folgen dieser rasanten Entwicklung wird sich in dieser Woche auch der Deutsche Anwaltstag in Berlin befassen.

BBMW ist keine Kanzlei mehr im hergebrachten Sinn. Sie ist ein hochspezialisiertes Dienstleistungsunternehmen, ein Rechtsanwalts-Multi: Heute, fünf Jahre nach ihrem Zusammenschluß, beschäftigen Beiten, Burkhardt, Mittl & Wegener 110 Anwälte in vierzehn Städten, darunter Berlin, Frankfurt, Leipzig, London, Moskau, Prag, Budapest, Peking und Hongkong. Im weltweiten Vergleich ist BBMW noch ein Zwerg, in Deutschland aber schon ein Riese.

Nur selten treten Anwälte solchen Zuschnitts noch vor Gerichten auf; die meisten von ihnen haben ihre schwarze Robe längst eingemottet. Ihr Geschäft ist die umfassende Beratung, nicht der Prozeß. Die Hochglanzbroschüre von BBMW informiert über das Angebot: In zwanzig Arbeitsgruppen bieten Dutzende von Experten ihre Dienste an: von Unternehmensrecht und Steuerplanung über das Wettbewerbs-, Arbeits- und EU-Recht bis zur "Nachfolgeplanung" in Erbangelegenheiten.

Eine Expertin ganz anderer Art ist die Hamburger Anwältin Katharina Rogalla. Ihre Kunden sind keine Wirtschaftskapitäne, sondern psychisch Kranke, Kinder, Alte. Die Juristin hat sich ganz auf das Vormundschafts- und Betreuungsrecht konzentriert. Sie fährt in Krankenhäuser und Pflegeheime und vertritt ihre Mandanten in Scheidungsverfahren und Erbstreitigkeiten vor Gericht.

Auch Katharina Rogalla wollte von Anfang an selbständig sein: "Angestellt? Morgens vor dem Chef einen Bückling machen und ihm abends die Schriftsätze vorlegen? Welch ein Graus!" Nur: Als sie 1989 ein Schild mit der Aufschrift "Rechtsanwältin" an ihre Tür nagelte, waren die fetten Jahre längst vorbei. Allein in Hamburg wetteiferten 4000 Rechtsanwälte um Aufträge. Eine Chance hatte da nur, wer aus der Masse herausragt. So suchte sie sich eine Rechtsnische, in der sich noch nicht allzu viele Kollegen breitgemacht hatten.

Die Beschränkung auf das Betreuungsrecht war riskant, denn ihr Geld erhält sie zu drei Vierteln vom Staat, und der zahlt schlecht: vierzig Mark die Stunde für leichte, sechzig bis achtzig Mark für komplizierte Fälle. Doch heute, "nach sechs Jahren harter Maloche", hat es Katharina Rogalla geschafft. Sie genießt einen guten Ruf. Die Gerichte und sozialen Einrichtungen vertrauen ihr. Was am Monatsende nach Abzug der Kosten für das Büro und einen Mitarbeiter übrigbleibt, ist nicht üppig, nur ein Bruchteil dessen, was ein junger Anwalt bei BBMW verdient. Aber es reicht - sogar für Rücklagen, um auch ein mageres Jahr zu überstehen: Denn die Rechtsanwältin muß allein über die Runden kommen. Als Partnerin einer aufstrebenden Sozietät käme sie nicht in Frage, dafür brächte sie zuwenig in die Kasse ein.