Die Liberalen reden über die Zeit nach Klaus Kinkel - der Rest der Republik rätselt über die Zeit nach der FDP. Die schwer gebeutelte Partei sucht nach einer neuen personellen Spitze. In Wirklichkeit fehlt es ihr an einem politischen Unterbau. Victor Hugo hat einmal gesagt: "Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist." In der Politik freilich gilt: Nichts ist so schwach wie eine Partei, deren Zeit vorüber ist. Die FDP steht vor ihrem Ende, obwohl die Idee des Liberalismus weder erschöpft noch erfüllt ist. Damit zerfällt freilich nicht nur eine Partei, die westdeutsche Nachkriegsgeschichte mit geschrieben hat, sondern auch das Scharnier des hergebrachten Parteiensystems. Die Republik jedenfalls wird eine andere werden.

Klaus Kinkels Rücktritt vom FDP-Vorsitz war nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen und Bremen gar nicht aufzuhalten. Wer sich noch an das schäbige Scherbengericht vom Dezember-Parteitag in Gera erinnerte, wer im Gedächtnis behalten hatte, wie die Delegierten ihren Vormann erst wütend niedermachten, dieser den Bettel hinwerfen wollte, sogleich aber von einem Teil seiner Kritiker scheinheilig angefleht wurde, doch bitte zu bleiben - wer alles dies nicht verdrängt hatte, mußte wissen: Wiedervorlage im Juni auf dem Parteitag in Mainz. Die Frage ist nur: Weshalb soll nun der hessische Landesvorsitzende Wolfgang Gerhardt die FDP retten können, wenn Kinkel damals nur aus einem Grund gehalten wurde: weil schon damals allein Gerhardt in Frage gekommen wäre?

An der Misere der FDP ist nur zum geringeren Teil Kinkel selbst schuld. Die fatalen Fehler wurden viel früher gemacht. Wer hatte denn die Liberalen in eine Lage gebracht, in der man erst auf den Treppenwitz verfallen konnte und mußte, jemanden zum Parteivorsitzenden zu machen, dessen Unterschrift auf dem Beitrittsantrag noch nicht recht getrocknet war? Seit der Wende von 1982 war es konsequent abwärts gegangen - programmatisch wie personell: Auf den Vorsitzenden Genscher folgten Bangemann, Lambsdorff und Kinkel, auf den Außenminister Genscher folgte unter Umgehung von Frau Schwaetzer doch noch Klaus Kinkel, auf den Wirtschaftsminister Lambsdorff folgten Bangemann, Haussmann, Möllemann und Rexrodt - was in über zwölf Jahren verspielt wurde, läßt sich in zwölf Monaten nicht zurückgewinnen.

Wenn aber die FDP nach und nach nicht nur aus den Landtagen verschwindet, dann entfällt eine der Voraussetzungen, unter denen bisher das politische System der Bundesrepublik funktionierte. Nur einmal gab es - von 1957 bis 1961 - im Bundestag eine absolute Mehrheit, nur einmal - von 1966 bis 1969 - eine Große Koalition. Ansonsten wurden Regierungen unter Einschluß der FDP gebildet oder durch den Seitenwechsel der Liberalen ausgetauscht. Diesem zentristischen Element, dieser Definition und Rotation der Politik um die Mitte ist inzwischen die gesellschaftliche Substanz und Akzeptanz abhanden gekommen, auch wenn die FDP für den Rest der Bonner Legislaturperiode noch die Mandate beansprucht, für die ihr die Macht schon fehlt.

Wohin treibt die Bundesrepublik? Diese Jasperssche Frage ist nun wieder einmal völlig offen. Gewiß, die Grünen haben der FDP den Rang als dritte Partei endgültig abgelaufen und auch ihre Funktion als politische Verkörperung des Unkonventionellen übernommen; aber sie stehen eben nicht auf dem Archimedischen Punkt zwischen den "Volksparteien", von dem aus die Liberalen jahrzehntelang über ihre realen Kräfte hinaus das Geschehen mitbestimmten. Wie sich unterdessen die politischen Kraftlinien und die Vorlieben der Wähler beim Wechsel von Schwarz-Gelb-Rot zu Schwarz-Rot-Grün verändern werden, läßt sich noch nicht voraussagen.

Am einfachsten wäre es, die Grünen rückten von selbst in eine Äquidistanz, in einen gleichen Abstand zur Union wie zu den Sozialdemokraten. Aber gesellschaftliche Entwicklungen vollziehen sich nun einmal nicht so simpel und mechanistisch; vor allem richten sie sich nicht nach den bequemen Erwartungen der Politiker. Aus heutiger Sicht sind die Verteuflungen der Grünen ("Gefahr für Deutschland", sagt Theo Waigel) so überholt wie die Spekulationen über eine handlungsfähige schwarzgrüne Koalition verfrüht. Nicht nur die Union wäre mit einem solchen Bündnis überfordert, auch die allermeisten Grünen von heute könnten sich darin nicht wiedererkennen. Schon eine rotgrüne Koalition in Nordrhein-Westfalen, erst recht aber in Bonn würde viele traditionelle Sozialdemokraten schwer ankommen.

Folglich ist die Parole von Helmut Kohl, die Union solle künftig alles auf die eigene Karte und möglichst auf eine absolute Mehrheit setzen, auf mittlere Sicht nicht ganz abwegig - sowenig die gegenwärtige Stärke der CDU/CSU dafürspricht. Wer vor kurzem noch FDP wählte, der wollte Rot-Grün verhindern. Wenn die Liberalen den Geist aufgeben und die Sozialdemokraten sich endgültig und eindeutig auf das rotgrüne Modell festlegen müssen, werden sie in der Mitte gewiß Wähler verlieren. Schließlich hatte sich Rudolf Scharping im Wahljahr 1994 von der Einsicht leiten lassen, etwa zehn bis fünfzehn Prozent der potentiellen SPD-Wähler schwankten zwischen der Union und den Sozialdemokraten, nur fünf Prozent zwischen Rot und Grün. Legt man das Wahlergebnis vom Oktober 1994 zugrunde, so müßte die Union von der FDP wie von der SPD nur je vier Prozentpunkte abholen, um die absolute Mehrheit zu erreichen.